»Wollen Sie damit sagen, Sie haben alles im Griff?«
»Wir arbeiten dran.«
»Einige meinen, Sie versagen.«
»Ich weiß nicht, was die Leute von uns erwarten. Der Staat wird kaum mit Kriegsschiffen und Black Hawks gegen Wale zu Felde ziehen.«
»Wir hören täglich von neuen Opfern. Die kanadische Regierung jedenfalls hat sich bislang darauf beschränkt, die Gewässer vor British Columbia zur Krisenregion zu erklären …«
»Für Kleinschiffe. Der normale Fracht-und Fährenverkehr ist nicht betroffen.«
»Hat es in jüngster Vergangenheit nicht wiederholt Meldungen über das Verschwinden von Schiffen gegeben?«
»Noch einmal: Das waren Fischerboote, kleine Motorschiffe«, erklärte Li im Tonfall unendlicher Geduld. »Es kommt immer wieder zum Verlust von Schiffen. Wir gehen diesen Berichten nach. Selbstverständlich wird mit allem Aufwand nach Überlebenden gesucht. Ich möchte dennoch davor warnen, jeden ungeklärten Vorfall auf hoher See sofort mit Tierattacken in Verbindung zu setzen.«
Der Moderator rückte seine Brille zurecht. »Helfen Sie mir, sollte ich mich irren — aber gab es da nicht auch die Havarie eines Großfrachters der
Li legte die Fingerspitzen aufeinander. »Sie meinen die
Der Moderator warf einen Blick auf die Notizen in seiner Rechten. »Korrekt. Es ist so gut wie nichts darüber bekannt geworden.«
»Natürlich nicht«, entfuhr es Anawak.
Er hatte es gewusst. Er hatte nur vergessen, in den letzten beiden Tagen mit Shoemaker darüber zu sprechen.
»Die
»Wir untersuchen auch diesen Vorfall. Verzeihen Sie, wenn ich nicht zu jedem Ereignis Stellung beziehen kann, aber meine Arbeit ist eher übergeordneter Natur …«
»Natürlich.« Der Moderator nickte. »Also reden wir über Ihre Position. Was umfasst Ihre Arbeit? Wie muss man sich das vorstellen? Augenblicklich können Sie ja offenbar nur reagieren.«
Ein Anflug von Belustigung zuckte über Lis Gesichtszüge. »Es liegt nicht in der Natur von Krisenstäben, ausschließlich zu reagieren, wenn ich das sagen darf. Wir nehmen Krisenlagen auf, führen und wickeln sie ab. Das beinhaltet Früherkennung, vollständige und klare Darstellung, Prävention, Evakuierung, all das. — Aber wie ich schon sagte, haben wir es hier mit etwas Neuem zu tun. Vorsorge und Früherkennung waren sicher nicht in dem Maße möglich wie in vertrauteren Szenarien. Alles andere haben wir im Griff. Kein Schiff fährt noch hinaus aufs Meer, dem die Tiere gefährlich werden könnten. Wichtige Transporte gefährdeter Schiffe haben wir auf den küstennahen Flugverkehr umgelegt. Größere Schiffe erhalten militärisches Geleit, wir betreiben eine lückenlose Luftüberwachung und haben umfangreiche Mittel bewilligt zur wissenschaftlichen Erforschung.«
»Sie haben militärische Gewalt ausgeschlossen …«
»Nicht ausgeschlossen. Relativiert.«
»Umweltschützer meinen, die Verhaltensänderungen seien auf zivilisatorische Einflüsse zurückzuführen. Lärm, Gifte, Seeverkehr …«
»Wir sind auf dem besten Wege, es herauszufinden.«
»Und wie weit sind Sie?«
»Ich wiederhole: Wir werden uns nicht in Spekulationen ergehen, solange keine konkreten Resultate vorliegen, und wir werden auch niemandem gestatten, es zu tun. Ebenso wenig werden wir aufgebrachten Fischern, der Industrie, Reedereien, Whale-Watching-Firmen oder Anhängern des Walfangs erlauben, die Situation eigenmächtig in die Hand zu nehmen und möglicherweise eskalieren zu lassen. Wenn Tiere angreifen, sind sie entweder in die Enge getrieben oder krank. In beiden Fällen ist es unsinnig, Gewalt gegen sie anzuwenden. Wir müssen zu den Ursachen vorstoßen, dann werden die Symptome verschwinden. Und so lange werden wir halt das Wasser meiden.«
»Danke, General.«
Der Moderator wandte sein Gesicht in die Kamera.
»Das war General Commander Judith Li von der US Navy, die seit wenigen Tagen als Militärische Leiterin der Vereinigten Krisenstäbe und Untersuchungskommissionen von Kanada und den USA amtiert. Und jetzt weitere Nachrichten vom Tage.«
Anawak stellte den Fernseher leiser und rief John Ford an. »Wer zum Teufel ist diese Judith Li?«, fragte er.
»Oh, ich habe sie noch nicht persönlich kennen gelernt«, erwiderte Ford. »Sie fliegt ständig durch die Gegend.«
»Ich wusste nichts davon, dass Kanada und die USA ihre Krisenstäbe zusammengelegt haben.«
»Du musst ja auch nicht alles wissen. Du bist Biologe.«
»Hat dich jemals einer zu den Walattacken interviewt?«
»Es gab Anfragen, die im Sande verliefen. Dich wollten sie mehrfach im Fernsehen haben.«