Einmal tauchten in der Ferne die schwarzweißen Silhouetten einiger Orcas auf, aber sie waren schnell wieder verschwunden. Im Allgemeinen verliefen solche Begegnungen friedlich, obwohl Orcas zu den wenigen ernst zu nehmenden Feinden der Großwale gehörten. Nicht mal vor Blauwalen machten sie Halt. Wenn sie angriffen, dann zu mehreren und immer mit äußerster Brutalität. Sie fraßen Zunge und Lippen der Opfer und ließen sterbende, verstümmelte Kolosse zurück, die langsam dem Meeresboden entgegensanken.
Fressen, tauchen, aufsteigen.
Irgendwann schlief Lucy. Zumindest glaubte Ford, dass sie schlief. Gemeinsam mit seinen beiden Assistenten beobachtete er, wie es dunkler wurde, weil der Abend hereinbrach. Ein Schatten blieb, kaum auszumachen gegen den Hintergrund. Lucys Körper, der aufrecht im Wasser hing, langsam nach unten sank und ebenso langsam wieder stieg. Es gab eine ganze Reihe von Meeressäugern, die auf diese Weise ruhten. Alle paar Minuten kamen sie im Halbschlaf an die Oberfläche, atmeten, sanken wieder hinab und schliefen. Bemerkenswerterweise schliefen die Tiere nie länger als fünf bis sechs Minuten, schafften es jedoch, die kurzen Phasen zu einem erholsamen Schlaf aufzusummieren.
Schließlich wurde es schwarz auf den Monitoren. Nur noch der Koordinatenraum zeigte die Verteilung des Rudels an.
Nacht.
Nichts zu sehen und trotzdem hinschauen zu müssen, war besonders öde. Hin und wieder blitzte etwas auf, eine Qualle oder ein Tintenfisch. Ansonsten herrschte biblische Finsternis, während weiterhin Daten über den zweiten Monitor tickerten, Angaben über Lucys Metabolismus und die physikalische Umgebung. Die grünen Punkte bewegten sich träge im virtuellen Raum. Es war keineswegs so, dass alle Tiere des Rudels über Nacht schliefen. Wale ruhten zu unterschiedlichsten Zeiten. Der Datenmonitor wies Höhen— und Tiefenschwankungen auf, die zeigten, dass Lucy und die anderen auch jetzt ihr Tauch— und Fressverhalten einhielten. Je nach Tiefe schwankte die Temperatur um ein halbes Grad. Mehr tat sich nicht. Stetig schlug das Herz des Grauwals, mal langsamer, mal etwas schneller. Die Hydrophone des
So saß Ford vor seinem schwarzen Monitor und gähnte, bis seine Kiefer knackten.
Er klaubte die letzten Pommes frites zusammen.
Seine gekrümmten, fettigen Finger verharrten. Dann ließ er die Fritten wieder los und kniff die Augen zusammen.
Auf dem Datenschirm tat sich etwas.
Während der ganzen Zeit hatte die Sonde Tiefen zwischen 0 und 30 Metern angezeigt. Jetzt wies sie 40, plötzlich 50 Meter aus. Lucy veränderte ihren Standort. Sie schwamm aufs offene Meer hinaus und ging dabei tiefer. Die anderen Wale folgten ihr zügig. Kein Herumhängen mehr. Das war Migrationsgeschwindigkeit!
Wo willst du denn so schnell hin, dachte Ford.
Lucys Herzschlag verlangsamte sich. Sie tauchte, und zwar rapide. Zu diesem Zeitpunkt enthielten ihre Lungen wohl nur noch zehn Prozent ihres Sauerstoffvorrats, vielleicht sogar weniger. Der Rest war in Blut und Muskeln gespeichert. Eine perfekte Vorratshaltung für große Tiefen.
Lucy unterschritt 100 Meter. Nicht lebenswichtige Körperbereiche hatte der Wal jetzt vom Kreislauf abgekoppelt. Blutdrucküberschüsse wurden in einem Netz fein verknäulter, äußerst dehnbarer Adern verstaut, Muskel-und Stoffwechselvorgänge ohne Sauerstoffverbrauch abgewickelt. Das Zusammenwirken einer Reihe erstaunlicher Prozesse hatte im Verlauf von Jahrmillionen dafür gesorgt, dass die ehemaligen Landbewohner problemlos über hunderte und tausende Meter zwischen Oberfläche und Tiefe pendeln konnten, während die meisten Fische schon bei 100 Metern Schichtendifferenz in Lebensgefahr gerieten. Lucy sank weiter, 150 Meter, 200 Meter, und entfernte sich dabei konstant vom Festland. »Bill? Jackie?«, sagte Ford über die Schulter zu den beiden Assistenten, ohne sich umzudrehen. »Kommt mal rüber und seht euch das an.« Die Assistenten versammelten sich um die beiden Monitore. »Sie geht runter.« »Ja, ziemlich schnell. Schon drei Kilometer vom Festland entfernt. Das ganze Rudel schwimmt ins offene Meer hinaus.« »Vielleicht wandern sie einfach weiter.« »Aber warum so tief?«
»Weil nachts das Plankton absinkt, war’s nicht so? Und der Krill. Die ganzen Leckereien verziehen sich nach unten.«
»Nein.« Ford schüttelte den Kopf. »Das macht für andere Wale Sinn, aber nicht für Bodenfresser. Sie haben keinen Grund …«
»Seht euch das an! 300 Meter.«
Ford lehnte sich zurück. Grauwale waren nicht besonders schnell. Durchaus fähig zu einem kurzen Spurt, ansonsten mit zehn Stundenkilometern im oberen Bereich. Solange es keinen Grund zur Flucht gab oder sie auf Wanderschaft gingen, dümpelten sie träge dahin.
Was trieb die Tiere an?