Solche Riesenwellen, die ihren Ursprung dem Zusammenspiel von Wind und Strömung verdankten, brachten es auf Geschwindigkeiten von fünfzig Stundenkilometern, selten mehr. Es reichte zur Totalkatastrophe, aber gegen die 20-Meter-Front des Tsunamis, der in diesen Minuten über den Schelf fegte, waren sie lahme Enten.

Die meisten der Schlepper, Tanker und Fähren, die gerade das Pech hatten, auf der Nordsee unterwegs zu sein, wurden wie Spielzeug herumgeworfen. Einige krachten zusammen, andere wurden gegen die Betonpfosten der Plattformen geschmettert oder gegen die Verladebojen, an denen sie ankerten. Der Wucht des Aufpralls waren selbst Stahlbetonstützen nicht gewachsen. Viele der Kolosse begannen einzubrechen. Was standhielt, entging dennoch nicht der Zerstörung, als die kollidierenden, teils voll beladenen Schiffe explodierten und riesige Feuerwolken auf die Plattformen übergriffen. In Kettenreaktionen flogen ganze Landschaften aus Fördertürmen in die Luft. Brennende Trümmer wurden Hunderte von Metern weit geschleudert. Der Tsunami riss am Meeresgrund verankerte Plattformen los und kippte sie um. All das geschah nur Minuten, nachdem die kreisförmige Welle vom Zentrum der unterseeischen Rutschung losgerast war auf ihrem Weg zu den Küsten der umliegenden Landmassen.

Jedes einzelne der Ereignisse verkörperte den Alptraum der Schifffahrt und der Offshore-Industrie schlechthin. Was an jenem Nachmittag auf der Nordsee geschah, war jedoch mehr als ein vereinzelter, wahr gewordener Alptraum.

Es war die Apokalypse.

Die Küste

Acht Minuten nach dem Absturz des Schelfs war der Tsunami gegen die Klippen der Färöer-Inseln geschlagen, vier Minuten später hatte er die Shetlands erreicht, weitere zwei Minuten später prallte er gegen das schottische Festland und den südwestlichen Buckel Norwegens.

Um Norwegen als Ganzes zu überfluten, bedurfte es vermutlich jenes Kometen, von dem man annahm, dass er die Menschheit auslöschen würde, sollte er jemals ins Meer stürzen. Das Land war ein einziges Gebirge, gesäumt von einer Steilküste, an deren oberen Rand so schnell keine Welle schlug.

Aber Norwegen lebte vom und auf dem Wasser, und die meisten der wichtigsten Städte lagen auf Meeresspiegelhöhe am Fuß der gewaltigen Gebirge. Von der See trennten sie lediglich kleine, flache Inseln, oder sie lagen auf den Inseln selber. Hafenstädte wie Egersund, Haugesund und Sandnes im Süden waren der heranrollenden Welle ebenso ausgeliefert wie Alesund und Kristiansund weiter nördlich und hunderte kleinerer Orte ringsum.

Am schlimmsten erwischte es Stavanger.

Wie sich ein Tsunami entwickelte, wenn er die Küste erreichte, hing von unterschiedlichsten Faktoren ab. Dazu gehörten Riffs, Flussmündungen, unterseeische Gebirge und Sandbänke, vorgelagerte Inseln oder schlicht die Neigung des Strandes. Alles konnte die Wirkung entweder abschwächen oder verstärken. Stavanger, das Zentrum der norwegischen Offshore-Industrie, Schlüsselstadt des Handels und der Schifffahrt, eine der ältesten, schönsten und reichsten Städte Norwegens, lag so gut wie ungeschützt direkt am Meer. Lediglich eine Reihe flacher Inselchen erstreckte sich oberhalb des Hafens, verbunden durch Brücken. Unmittelbar vor dem Eintreffen der Welle war eine Warnung der norwegischen Regierung an die Behörden der Stadt ergangen, die sofort über alle Radio-und Fernsehstationen und via Internet verbreitet wurde, aber es blieb lächerlich wenig Zeit. An eine Evakuierung war nicht mehr zu denken. Der Warnung folgte ein beispielloses Durcheinander in den Straßen. Niemand konnte sich recht vorstellen, was da auf Stavanger zukam. Anders als in den Anrainerstaaten des Pazifiks, die seit Menschengedenken mit Tsunamis lebten, gab es im Atlantikraum, in Europa und im Mittelmeer keine Warncenter. Während das PTWS, das Pacific Tsunami Warning System, mit Hauptsitz auf Hawaii in über zwanzig Pazifikstaaten vertreten war, zu denen von Alaska über Japan und Australien bis Chile und Peru so ziemlich jede Küstennation gehörte, wusste man in einem Land wie Norwegen nicht das Geringste über Tsunamis. Nicht zuletzt darum verstrichen die letzten Minuten Stavangers in ratlosem Entsetzen.

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