»Mit diesem Fuß, dem Byssus, setzt sich die Zebramuschel gewöhnlich fest, je nachdem, wohin die Strömung sie trägt. Genauer gesagt besteht der Byssus aus einem Bündel klebriger Proteinfäden. Die neuen Muscheln haben diese Fäden zu einer Art Propeller weiterentwickelt. Das Prinzip erinnert flüchtig an die Fortbewegungsweise von Pfiesteria piscicida. Konvergenzen sind aus der Natur bekannt, aber sie vollziehen sich über Jahrtausende und Jahrmillionen. Diese Muscheln sind entweder bislang nicht in Erscheinung getreten, oder sie haben sich die neuen Fähigkeiten über Nacht zugelegt. Das spräche für eine rapide Mutation, denn in vielerlei Hinsicht sind es immer noch Zebramuscheln, nur dass sie sehr genau zu wissen scheinen, wo sie hinwollen. Beispielsweise blieben die Seekästen der Barrier Queen frei, aber das Ruder war gleichmäßig bedeckt.«

Peak berichtete von den Umständen der Havarie und vom Angriff der Wale auf die Schlepper. Auch wenn die Barrier Queen davongekommen war, hatte sich gezeigt, wie effektiv die Strategie des Zusammenwirkens zwischen Muscheln und Walen funktionierte — ebenso wie die zwischen Grauwalen, Buckelwalen und Orcas.

»Das ist doch Wahnsinn«, sagte ein Oberst der Bundeswehr aus dem Hintergrund.

»Keineswegs.« Anawak drehte sich zu ihm um. »Es hat Methode.«

»Völliger Blödsinn! Wollen Sie behaupten, Muscheln hätten sich mit Walen abgesprochen?«

»Nein. Aber es ist dennoch eine Zusammenarbeit. Wenn Sie solche Attacken erlebt hätten, würden Sie anders darüber denken. Unserer Meinung nach hatte der Angriff auf die Barrier Queen lediglich die Funktion eines Tests.«

Peak drückte die Fernbedienung, und das Bild eines auf der Seite liegenden Riesenschiffs erschien. Sturm trieb haushohe Wellen über den Rumpf. Peitschender Regen verschleierte die Sicht.

»Die Sansuo, einer der größten japanischen Autotransporter«, sagte Peak. »Die letzte Fracht waren Schwerlaster. Das Schiff geriet vor Los Angeles in einen Muschelschwarm. Ebenso wie auf der Barrier Queen fraß sich das Ruder fest, aber diesmal herrschte hohe See. Die Sansuo wurde backbord von einer riesigen Welle erwischt und begann voll zu laufen. Was dann geschah, können wir nur vermuten. Unter der Wucht der Brecher müssen sich einige Trucks im Innern losgerissen haben. Sie krachten in die Ballastwassertanks, einer durchschlug die Bordwand. Als diese Aufnahme gemacht wurde, waren seit dem missglückten Rudermanöver nicht mal 15 Minuten vergangen. Eine weitere Viertelstunde später brach die Sansuo auseinander und sank.« Er machte eine Pause. »Wir haben inzwischen eine ganze Liste solcher Fälle, die täglich länger wird. Schlepper werden attackiert, in den meisten Fällen muss die Bergung abgebrochen werden. Die Zahl der Totalverluste zeigt einen dramatischen Trend nach oben. Dr. Anawak hat Recht, wenn er dem Wahnsinn Methode bescheinigt, denn mittlerweile wissen wir von mindestens einer weiteren Variante des Wahnsinns.«

Peak präsentierte die Satellitenaufnahme einer kilometerlangen schwarzen Wolke. Sie trieb aufs Land zu. Ihr Ursprung lag ein erhebliches Stück vor der Küste, wo sie sich zu einem schmutzig roten Zentrum verdichtete. Es sah aus, als sei mitten im Meer ein Vulkan ausgebrochen.

»Unter der Wolke verbergen sich die Reste der Phoebos Apollon, eines LNG-Gastankers. Post-Panamax-Klasse, das Größte, was es gibt. Am 11. April brach fünfzig Seemeilen vor Tokio plötzlich ein Feuer im Maschinenraum aus, das auf die vier Kugeltanks übergriff und eine Reihe gewaltiger Explosionen auslöste. Die Phoebos Apollon galt in jeder Beziehung als vorbildlich, sie war in ausgezeichnetem Zustand und wurde regelmäßig gewartet. Die griechische Reederei wollte es genau wissen und schickte einen Roboter nach unten.«

Blitze zuckten über den Bildschirm. Ein Zahlencode lief an, dann trieb plötzlich Schneegestöber vor einem trüben Hintergrund.

»Von einem explodierten Gastanker ist im Allgemeinen nicht viel übrig. Das Schiff war unter Wasser in vier Teile zerbrochen. Vor Honshu geht es 9000 Meter runter, und die Trümmer verteilen sich auf einer Strecke von mehreren Quadratkilometern. Schließlich stieß der Roboter auf den hinteren Teil.«

Im Schneegestöber erschien undeutlich eine Struktur. Ein Ruderblatt, die gebogene Form des Hecks, Teile von Aufbauten. Der Roboter schwebte darüber hinweg und sank entlang der stählernen Hülle abwärts. Ein einzelner Fisch zog durchs Bild.

»Die Grundströmung transportiert jede Menge organisches Material, Plankton, Detritus, alles Mögliche«, erläuterte Peak die Aufnahmen. »Nicht einfach, da zu manövrieren. Ich erspare Ihnen den ganzen Film, aber das hier dürfte Sie interessieren.«

Plötzlich war die Kamera sehr viel näher am Rumpf. Etwas überlagerte die Schiffshülle in dicken Klumpen. Im Licht der Scheinwerfer schimmerte und glänzte es wie zerschmolzenes Wachs.

Rubin beugte sich mit erregtem Gesichtsausdruck vor.

»Wie kommt denn dieses Zeug dahin?«, rief er.

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