Peak dachte an die demolierten Autos, die überall herumstanden, ineinander verkeilt, in Schaufenster gerast oder vor Laternen gesetzt. Autos, in denen infizierte Menschen das Bewusstsein verloren hatten. Er ahnte, was in dem Tunnel geschehen war. Es war das Letzte, was sie jetzt noch gebrauchen konnten.

Sie rannten zurück ins Gebäude, durch das Foyer und zu ihrem Jeep auf der First Avenue. Es war mühsam, in der Schutzkleidung zu laufen, weil man ständig aufpassen musste, nirgendwo hängen zu bleiben und sich nichts aufzureißen. Peak schaffte es trotzdem, sich in den offenen Jeep zu schwingen, und sie rasten los.

Drei Stockwerke über ihm starb im selben Moment Bo Henson, der Fahrer des Kurierdienstes, der sich angeschickt hatte, FedEx Konkurrenz zu machen.

Das Ehepaar Hooper war zu diesem Zeitpunkt schon seit einigen Stunden tot.

Vancouver Island, Kanada

»Was zum Teufel tut ihr da oben auf dem Whistler?«

Es sollte ein Ausflug in die Normalität werden, aber natürlich wurde es alles andere. Nach Tagen der Abwesenheit saß Anawak in Davies Whaling Station und sah zu, wie Shoemaker und Delaware aus Anlass seines Besuchs zwei Dosen Heineken leerten. Davie hatte die Station vorübergehend geschlossen. Seine Landexpeditionen waren nicht gefragt. Kaum jemand verspürte noch Lust, überhaupt Tiere zu beobachten. Wenn schon die Wale durchdrehten, was mochte dann den Schwarzbären einfallen? Wenn Europa von Tsunamis überrollt wurde, was drohte der Pazifikküste? Die meisten Touristen hatten Vancouver Island verlassen. Shoemaker verrichtete einsam seinen Dienst als Geschäftsführer und trieb Außenstände ein, um die Station über Wasser zu halten, solange es irgendwie ging.

»Ich wüsste wirklich gerne, was ihr da macht«, bohrte er nach.

Anawak schüttelte den Kopf. »Hör auf zu fragen, Tom. Ich hab versprochen, den Mund zu halten, also reden wir bitte von was anderem.«

»Wozu das Theater? Warum kannst du nicht sagen, woran ihr arbeitet?«

»Tom …«

»Ich wüsste nämlich gerne, wann ich meinen Arsch von hier entfernen soll«, fuhr Shoemaker fort. »Von wegen Tsunami und so.«

»Kein Mensch redet von Tsunamis.«

»Nicht? Bullshit! Es hat sich auch ohne euch herumgesprochen, dass da Zusammenhänge bestehen. Die Leute sind ja nicht bescheuert, Leon. Aus New York hört man dubiose Horrorgeschichten von Massenerkrankungen, in Europa sterben die Leute, und Schiffe gehen reihenweise hops, das bleibt doch alles nicht verborgen.« Er beugte sich vor und zwinkerte Anawak zu. »Ich meine, wir haben zusammen die Leute von der Lady Wexham geholt, Baby. Ich bin doch mit im Boot. Eingeweiht, verstehst du? Innerer Kreis.«

Delaware nahm einen kräftigen Schluck aus der Dose und wischte sich den Mund. »Geh Leon nicht auf die Nerven. Wenn sie ihn vergattert haben, haben sie ihn vergattert.«

Sie trug eine neue Brille mit runden, orangefarbenen Gläsern. Irgendetwas, stellte Anawak fest, hatte sie mit ihren Haaren gemacht. Sie waren weniger kraus und fielen ihr stattdessen in seidigen Wellen über die Schultern. Eigentlich, selbst mit den übergroßen Zähnen, sah sie hübsch aus. Ziemlich hübsch sogar.

Shoemaker hob die Hände und ließ sie in einer hilflosen Geste in den Schoß sinken. »Ihr solltet mich mitnehmen. Wirklich, Leon. Ich könnte hilfreich sein. Hier sitze ich bloß rum und blase den Staub von den Reiseführern.«

Anawak nickte. Er fühlte sich unwohl, weil er den Geheimniskrämer abgeben musste. Die Rolle lag ihm nicht. Er hatte sie jahrelang in eigener Sache gespielt, und allmählich begann ihm jede Form von Geheimnistuerei auf die Nerven zu gehen. Einen Moment lang fragte er sich, ob er nicht einfach von der Arbeit im Chateau berichten sollte. Aber er hatte Lis Blick nicht vergessen. Sie gab sich verständnisvoll und freundlich, doch er war sicher, dass es einen Höllenärger geben würde, falls die Sache rauskam.

Wahrscheinlich hatte sie sogar Recht.

Er ließ den Blick durch den Verkaufsraum wandern. Plötzlich spürte er, wie fremd ihm die Station binnen weniger Tage geworden war. Das hier war nicht sein Leben. Vieles hatte sich verändert seit seiner Aussöhnung mit Greywolf. Anawak ahnte, dass etwas Einschneidendes bevorstand, etwas, das sein Leben komplett umkrempeln würde. Er fühlte sich dabei wie ein Kind in einer Achterbahn, nachdem es festgestellt hat, dass die Waggons fahren und es nicht mehr aussteigen kann. Furcht, bisweilen Entsetzen, mischte sich mit einem kaum zu beschreibenden Hochgefühl und neugieriger Erwartung. Früher hatte die Station einen Wall um ihn geschlossen. Jetzt war ihm, als säße er im Freien, nackt und ungeschützt. Ein Raum schien zu fehlen in seinem Leben, eine Tür, durch die man in ein angrenzendes Zimmer gehen konnte, um sich von der Welt auszusperren. Alles drang mit ungewohnter Intensität auf ihn ein, erschien eine Spur zu laut und zu grell.

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