»Elemak hat die Hand im Spiel«, sagte Nafai, »aber wenn du glaubst, Fusum oder irgend jemand anders hätte die Wühler nicht zur Rebellion gegen uns oder zum Krieg gegen die Engel aufgestachelt, verstehst du die menschliche Natur nicht.«

»Die Wühler sind keine Menschen«, sagte Ojkib.

»Wenn es um Haß und Zorn und Neid geht, doch«, sagte Nafai.

»Und auch um Liebe und Großzügigkeit«, sagte Ojkib. »Und um Vertrauen, Weisheit, Würde und …«

»Ja«, sagte Nafai. »In all dieser Hinsicht sind sie Menschen. Wie auch die Engel.«

»Wie unterscheiden wir uns dann von unseren Vorfahren, die vor vierzig Millionen Jahren von diesem Planeten vertrieben wurden?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Nafai. »Aber wenn man uns genug Zeit läßt, finden wir und die Wühler und die Engel vielleicht eine Möglichkeit zu einem friedlichen Zusammenleben.«

»Und bis dahin wirst du Waffen entwerfen«, sagte Ojkib.

»Ich denke an Blasrohre«, sagte Nafai. »Mit Pfeilen. Aber ich weiß nicht, ob sie vergiftet sein müssen oder nicht, um wirksam zu sein.«

»Du sprichst davon, meine Freunde zu töten«, sagte Ojkib.

»Versuche, deine Freunde zu lehren, den Krieg zu hassen und nicht daran teilzunehmen«, sagte Nafai. »Lehre sie, schon den Gedanken zu verabscheuen, die Kinder des Himmelsfleisches zu essen. Dann werden sie nie vom Pfeil eines Engels getötet.«

<p>15</p><p>Spaltungen</p>

Wenn der Friede vom Leben eines Mannes abhängt, wird jeder neuer Tag zu einer Totenwache. Jeder neue Plan muß den Gedanken einschließen: Kann dies zu Ende geführt werden, bevor er stirbt? Jedes neue Kind wird mit dem Gebet willkommen geheißen: Möge die Sicherheit noch ein Jahr andauern. Noch einen Monat, noch eine Woche.

Nicht, daß die Leute viel darüber sprachen — wie alt Volemak aussah, wie krumm sein Rücken war, wie er vor Arthritis zusammenzuckte, wenn er ging, wie er dazu neigte, schnell außer Atem zu sein, wenn er schwer arbeitete, wie er die Versammlungen nun im Schulhaus einberief, damit er nicht mehr die Leitern im Raumschiff hinaufsteigen mußte. Sie sahen, bedauerten und fürchteten es, behielten es jedoch für sich und taten so, als wäre es gar nicht so schlimm, als hätte er noch viel Zeit, als müsse man sich noch keine Sorgen machen.

Dann starb Emeezem, und Fusum ergriff endgültig die Macht unter den Wühlern. Sie hatte den Mut bereits verloren, als ihr Sohn Nen bei der Jagd von einem Panther getötet worden war. Später war die Entweihung des Unberührten Gottes ein schwerer Schlag gewesen, und ihr Mut erstarb vollends; der Tod ihres Gatten Mufruzhuuzh war im Vergleich dazu lediglich ein unbedeutendes Nachspiel gewesen. Die Welt ist am Ende angelangt, Emeezem, und, o ja, dein Gatte ist tot, und der brutale Junge, der behauptet, er habe deinen Sohn retten wollen, ist jetzt sowohl Blutkönig als auch Kriegskönig, und wenn du stirbst, wird er den Frieden unter deinem Volk zerstören, und du kannst nichts dagegen tun, lediglich die Frauen lehren, daß sie eines fernen Tages nach einem Tag des Friedens Ausschau halten sollen, aber die Frauen scheinen kaum noch auf dich zu hören, und der einzige, der dich ehrt, ist der Mensch Nafai, dessen Gesicht vor langer Zeit deine Erlösung war. Als der Tod endlich zu ihr kam und ihr die Lungen aushustete, während sie in der Dunkelheit ihrer tiefen Kammer lag, gepflegt von schweigenden Frauen und ein paar Männern, die auf den genauen Augenblick ihres Todes achteten, damit sie sogleich anfangen konnten, ihr Andenken zu zerstören — als der Tod endlich zu ihr kam, hieß sie ihn mit bitterer Erleichterung willkommen. Weshalb hast du so lange gebraucht? Und wo sind Nen und Mufruzhuuzh? Und was das betrifft — wo ist meine Mutter? Warum hat sich herausstellen müssen, daß mein Leben so wertlos war?

Erst, als sie am Rand des Todes stand, kam ein Traum in ihren Verstand, obwohl sie wach zu sein glaubte. Sie sah einen Menschen, einen Wühler und einen Engel, die gemeinsam auf der Kuppe eines Hügels standen, während sich eine beträchtliche Schar von Leuten aller drei Spezies weinend um sie drängten, dann lachend, vorwärts strömend, um sie zu berühren, und jeder, der sie berührte, sang laut dasselbe fröhliche Lied, und dann sahen der Mensch, der Wühler und der Engel sie an, Emeezem, die tiefe Mutter, die im Sterben lag, und sagten zu ihr: Danke, daß du dein Volk auf diesen Weg gebracht hast.

Der Traum holte Nen nicht wieder ins Leben zurück, gab ihr auch keine Hoffnung, daß Fusums Herrschaft nicht blutig und schrecklich sein würde, und holte sie bestimmt nicht vom Rand des Todes. Er ließ sie lediglich mit einem Lächeln auf dem Gesicht und Stolz im Herzen von diesem Rand in das dunkle Unbekannte treten. Er machte den Tod für sie süß.

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