»Richtig, meine Liebe. Zuallererst nämlich eines: Wer fremde Post liest, muss mit dem Inhalt auch selbst fertig werden.«
Carolin schnappt nach Luft. »Bitte? Wie meinst du das denn?«
Marc grinst. »Das Buch und die Widmung. Eindeutig für mich bestimmt.«
»Aber … aber … woher weißt du? Hat Luisa …?«
»Nein. Luisa hat das Gott sei Dank alles gar nicht mitbekommen. Aber mein Kumpel Herkules, der weiß noch, was Eigentum bedeutet. Er kam nämlich nicht allein, sondern hatte das Buch in der Schnauze.«
Carolin starrt mich mit offenem Mund an. »Er hatte … was?!«
»Genau. Er hatte das Buch dabei. Ein Blick auf die Widmung, und ich wusste sofort, was los ist. Das hätte mich allerdings nicht dazu gebracht, hier aufzulaufen. Denn ich bin mir keiner Schuld bewusst. Ja – ich habe mich mit Sabine getroffen. Weil sie mit mir über unseren Streit sprechen wollte, und ich mit der Mutter meiner Tochter nicht in einer Dauerfehde leben will. Sie hat sich entschuldigt für die Tatsache, dass sie mich damals ohne jede Vorwarnung verlassen hat, und hat mich gebeten, die Entschuldigung anzunehmen. Ich habe gesagt, dass ich drüber nachdenke. Nicht mehr und nicht weniger ist passiert.«
Carolin vergräbt ihr Gesicht in meinem Nacken. Das scheint ihr doch einigermaßen unangenehm zu sein. Mit Recht! Dann guckt sie wieder hoch.
»Aber warum hast du mir denn nicht gesagt, dass du dich mit ihr triffst?«
»Ganz einfach: Weil du auf das Thema Sabine schon so gereizt reagiert hast, dass ich einfach keine Lust auf einen weiteren Streit mit dir hatte. Das war wahrscheinlich ein Fehler – aber keine Todsünde. Finde ich jedenfalls.«
Caro setzt mich wieder runter und macht einen Schritt auf Marc zu.
»Es tut mir leid. Das war nicht richtig von mir.«
Marc nickt. »Aber jetzt habe ich auch eine Frage. Wo warst du gestern Nacht? Bei Nina?«
Caro schüttelt den Kopf. Marc atmet tief durch.
»Etwa bei Daniel?«
»Ja. Aber da habe ich gleich mal einen Vorschlag: Ich glaube dir – und du glaubst mir. Es ist nichts passiert, ich brauchte nur ein Bett.«
Marc zögert, dann nickt er. »Okay. Vertrauen gegen Vertrauen.«
Endlich! Das klingt doch schon ganz gut, und ich persönlich finde, das wäre nun eine gute Gelegenheit für die beiden, sich zu küssen. Leider kommt in diesem Moment Nina die Treppe herunter und ruft schon von oben: »Mensch, Caro, wo bleibst du denn? Du wolltest doch jetzt … oh, hallo, Marc. Eigentlich dachte ich, wir steuern hier auf einen Frauenabend zu.«
»Nimm’s mir nicht übel – aber ich würde meine Süße jetzt gerne mitnehmen. Bitte!«
»Marc, du kannst fast so herzerweichend wie Herkules gucken. Na gut. Ich habe zwar schon eine Flasche Rotwein aufgemacht, aber dann muss ich mir wohl Ersatz besorgen.«
»Du könntest dich doch zum Beispiel mit deinem Mitarbeiter treffen«, schlägt Caro kurzerhand vor, »der wohnt ja nicht so weit von hier.« Sie kichert.
»Das ist nicht mehr mein Mitarbeiter. Ich habe ihn rausgeschmissen. «
»Echt? Wie gemein. Ich finde, du solltest da Privates und Berufliches trennen.«
Nina grinst. »Das tue ich auch. Genau deswegen hat Alex heute die Gruppe gewechselt. Ich kann Liebe im Job nämlich nicht gebrauchen. Und er auch nicht. Das lenkt uns zu sehr ab. So, und jetzt werde ich ihm mal schnell Bescheid sagen, dass sich mein Frauenabend erledigt hat. Tschüss, ihr beiden. « Kurz bevor sie wieder nach oben verschwindet, dreht sie sich noch einmal um. »Ach, was wolltest du mir eigentlich so Dringendes erzählen?«
Caro guckt sie mit großen Augen an. »Ich? Nichts. Ich wollte nur ein bisschen klönen.«
Ich liege in meinem Körbchen und bin eigentlich glücklich und zufrieden. Aber nur eigentlich. Denn leider kündet ein dumpfes Grollen von draußen ein heftiges Gewitter an. Auch das noch! Dabei bin ich doch so müde und würde gerne schlafen. Das Donnern wird lauter und kommt immer näher. Ich versuche mich ganz tief in meine Kuscheldecke zu vergraben. Vielleicht ist es dann nicht mehr ganz so laut.
Aber es nutzt nichts: Obwohl die Decke nun schon meine Ohren bedeckt, jagt mir jeder Donnerschlag neue Schauer über den Rücken. Der nächste Blitz erleuchtet die Wohnung fast taghell. Und jetzt kracht es so laut, dass ich das Gefühl habe, das ganz Haus wackelt. Mama! Angst!
Carolin hat es mir zwar streng verboten, aber es führt kein Weg daran vorbei: Ich muss zu ihr ins Bett. Sonst kriege ich heute Nacht kein Auge mehr zu. Ich schleiche Richtung Schlafzimmer und drücke vorsichtig, aber feste mit der Schnauze gegen die Tür. Mit einem leisen
Zwei helle Blitze, direkt hintereinander, dann ein fürchterlicher Donnerschlag! Ein ohrenbetäubender Lärm – trotzdem fühle ich mich jetzt sicher. Das Getöse scheint auch Marc und Carolin geweckt zu haben.
»Kannst du auch nicht schlafen?«
»Nee. Bei dem Lärm schwierig.«
»Ich bin froh, wieder hier zu sein. An wen sollte ich mich sonst kuscheln?«