Kern hatte einen Moment lang das Gefühl, als sei sein Gehirn ausgelöscht. Er hatte alles erwartet, nur das nicht. Langsam und mechanisch wie in einer Zeitlupenaufnahme suchte er seine Sachen zusammen. Dann richtete er sich auf. »Deshalb also der Kaffee und die Freundlichkeit!« sagte er stockend und mühsam, als müsse er es sich erst selbst klarmachen. »Alles nur, um mich hinzuhalten! Deshalb also!« Er ballte die Fäuste und machte einen Schritt auf Ammers zu, der sofort zurückwich. »Keine Angst!« sagte Kern sehr leise,»ich rühre Sie nicht an! Ich verfluche Sie nur. Ich verfluche Sie und Ihre Kinder und Ihre Frau mit der ganzen Kraft meiner Seele! Alles Unglück der Welt soll auf Sie fallen! Ihre Kinder sollen sich gegen Sie empören und Sie allein lassen, allein, arm, in Jammer und Elend!«
Ammers wurde blaß. Sein Spitzbart zuckte. »Schützen Sie mich!« befahl er dem Gendarmen.
»Er hat Sie noch nicht beleidigt«, erwiderte der Beamte phlegmatisch. »Er hat Sie bis jetzt nur verflucht. Wenn er Ihnen zum Beispiel: dreckiger Denunziant gesagt hätte, so wäre das eine Beleidigung gewesen, und zwar wegen des Wortes dreckig.«
Ammers sah ihn wütend an. »Tun Sie Ihre Pflicht!« fauchte er.
»Herr Ammers«, erklärte der Gendarm ruhig. »Sie haben mir keine Anweisungen zu geben. Das können nur meine Vorgesetzten. Sie haben einen Mann zur Anzeige gebracht; ich bin gekommen, und das Weitere werden Sie mir überlassen. Folgen Sie mir!« sagte er zu Kern.
Die beiden gingen hinaus. Hinter ihnen klappte die Haustür zu. Kern ging stumm neben dem Beamten her. Er konnte noch immer nicht richtig denken. Er hatte irgendwo das dumpfe Gefühl: Ruth – aber er wagte einfach noch nicht weiterzudenken.
»Menschenskind«, sagte der Gendarm nach einer Weile,»manchmal besuchen die Schafe wirklich die Hyänen. Wußten Sie denn nicht, wer das ist? Der geheime Spion der deutschen Nazipartei hier am Ort. Der hat schon allerlei Leute angezeigt.«
»Mein Gott!« sagte Kern.
»Ja«, erwiderte der Beamte. »Das nennt man Künstlerpech, was?«
Kern schwieg. »Ich weiß nicht«, sagte er dann stumpf. »Ich weiß nur, daß auf mich jemand wartet, der krank ist.«
Der Gendarm blickte die Straße entlang und zuckte die Achseln.
»Das hilft alles nichts! Es geht mich auch nichts an. Ich muß Sie zur Polizei bringen.« Er schaute sich um. Die Straße war leer. »Ich möchte Ihnen nicht raten, zu flüchten!« fuhr er fort. »Es hat keinen Zweck! Zwar habe ich ein verstauchtes Bein und kann nicht hinter Ihnen herlaufen, aber ich würde Sie sofort anrufen und dann meinen Revolver ziehen, wenn Sie nicht stehenbleiben.« Er musterte Kern ein paar Sekunden lang. »Das dauert natürlich seine Zeit«, erklärte er dann. »Sie könnten mir vielleicht inzwischen entwischen, besonders an einer Stelle, an die wir gleich kommen, da sind allerhand Gäßchen und Ecken und von Schießenkönnen ist da nicht viel die Rede. Wenn Sie da fliehen würden, könnte ich Sie tatsächlich nicht fangen. Ich müßte Ihnen höchstens vorher Handschellen anlegen.«
Kern war plötzlich hellwach und von einer unsinnigen Hoffnung erfüllt. Er starrte den Beamten an.
Der Gendarm ging gleichmütig weiter. »Wissen Sie«, sagte er nach einer Weile nachdenklich,»für manche Sachen ist man sich eigentlich zu anständig.«
Kern fühlte, daß seine Hände naß vor Aufregung waren. »Hören Sie«, sagte er eilig,»auf mich wartet ein Mensch, der ohne mich kaputtgeht! Lassen Sie mich los! Wir sind auf dem Wege nach Frankreich, wir wollen ohnehin hinaus aus der Schweiz, es ist doch gleich, ob so oder so!«
»Das kann ich nicht!« erwiderte der Beamte phlegmatisch. »Das ist gegen meine Dienstvorschrift. Ich muß Sie zur Polizei bringen, das ist meine Pflicht. Sie können mir höchstens weglaufen, dagegen kann ich natürlich nichts weiter machen.« Er blieb stehen. »Wenn Sie zum Beispiel die Straße hier hinunterliefen, um die Ecke und dann links – da wären Sie fort, ehe ich schießen könnte.« Er blickte Kern ungeduldig an.
»Na, dann werde ich Ihnen mal jetzt Handschellen anlegen! Donnerwetter, wo habe ich denn die Dinger?«
Er drehte sich halb um und kramte umständlich in seiner Tasche.
»Danke!« sagte Kern und rannte.
An der Ecke sah er sich im Laufen rasch um. Der Gendarm stand da, beide Hände auf die Hüften gestützt, und grinste hinter ihm her.
In der nächsten Nacht erwachte Kern. Er hörte Ruth sehr hastig und flach atmen. Er tastete nach ihrer Stirn; sie war heiß und feucht. Er wagte sie nicht zu wecken; sie schlief tief, aber sehr unruhig. Das Heu roch stark, obschon Decken und grobe Tücher darübergebreitet waren. Nach einiger Zeit erwachte sie von selbst. Mit verschlafener, kindlicher Stimme verlangte sie nach Wasser. Kern holte ihr eine Kanne und einen Becher, und sie trank gierig.
»Ist dir heiß?« fragte er.
»Ja, sehr. Aber vielleicht ist es das Heu. Mein Hals ist wie ausgedorrt.«
»Hoffentlich hast du kein Fieber.«
»Ich darf kein Fieber haben. Ich darf nicht krank werden. Ich bin es auch nicht. Ich bin es nicht.«