»Falle ich in Ohnmacht«, sagte ich knapp. »Und wenn ich – irgendwann – wieder zu mir komme, sage ich, ich habe gesehen, wie du den Mann hier anscheinend ermordet hast, und bin in Todesangst geflüchtet, ohne zu wissen, wohin. Auf der Suche nach Hilfe habe ich die Orientierung verloren.«
Er nickte langsam. »Aye, also gut.« Damit steuerte er auf die Tür zu, blieb aber noch einmal stehen.
»Aber warum habe ich – oh.« Er trat rasch an den Schreibtisch, zog eine Schublade nach der anderen heraus, durchwühlte den Inhalt mit der einen Hand und warf mit der anderen Gegenstände auf den Boden.
»Diebstahl«, erklärte er und kam wieder zur Tür. Er öffnete sie einen Spalt und lugte hinaus.
»Wenn es Diebstahl ist, solltest du dann nicht etwas mitnehmen?«, schlug ich vor und sah mich nach etwas um, das sich leicht transportieren ließ. Ich ergriff eine emaillierte Schnupftabakdose. »Die hier vielleicht?«
Er bedeutete mir ungeduldig, sie wieder hinzulegen, während er immer noch durch den Türspalt spähte.
»Nein, Kleine! Wenn sie mich mit Sir Fletchers Eigentum erwischen, droht mir der Galgen. Auf versuchten Diebstahl aber steht nur die Peitsche oder Verstümmelung.«
»Oh.« Ich legte die Dose hastig wieder hin und trat dann hinter ihn, um ihm über die Schulter zu sehen. Der Korridor schien leer zu sein.
»Ich gehe zuerst«, sagte er. »Falls ich jemandem begegne, lenke ich ihn ab. Zähle bis dreißig, dann folgst du mir. Wir warten in dem Wäldchen nördlich der Festung auf dich.« Er öffnete die Tür, dann hielt er inne und wandte sich um.
»Wenn sie dich erwischen, wirf unbedingt vorher die Schlüssel fort.« Ehe ich etwas entgegnen konnte, war er wie ein Aal durch die Tür geschlüpft und bewegte sich lautlos wie ein Schatten durch den Korridor.
Den Westflügel zu finden schien eine Ewigkeit zu dauern. Ich huschte durch die Korridore der alten Festung, lugte um Ecken und versteckte mich hinter Säulen. Doch ich sah nur eine Wache auf meinem Weg, und es gelang mir, dem Mann auszuweichen, indem ich hinter die zuletzt passierte Ecke zurückwich und mich hämmernden Herzens an die Wand drückte, bis er vorübergegangen war.
Doch als ich den Westflügel endlich gefunden hatte, gab es keinen Zweifel, dass ich hier richtig war. Der Korridor hatte drei große Türen, und jede davon hatte ein vergittertes Fensterchen, das jedoch frustrierenderweise kaum etwas von dem Raum dahinter preisgab.
»Ene, mene, mu«, murmelte ich vor mich hin und steuerte die mittlere Zelle an. Die Schlüssel an dem Ring waren zwar nicht beschriftet, aber von unterschiedlicher Größe. In dieses Schloss würde eindeutig nur einer der drei großen Schlüssel passen. Natürlich war es der dritte. Ich holte tief Luft, als das Schloss klickte, wischte mir die verschwitzten Hände an meinem Rock ab und schob die Tür auf.
Hektisch suchte ich die stinkende Masse aus Männern in der Zelle ab, indem ich über ausgestreckte Füße und Beine hinwegstieg und mich an schweren Körpern vorbeischob, die sich viel zu träge beiseitebewegten. Das Rumoren, das durch mein abruptes Eintreten ausgelöst worden war, nahm zu; immer mehr Männer, die auf dem schmutzigen Fußboden geschlafen hatten, setzten sich hin, weil das erstaunte Gemurmel sie geweckt hatte. Einige waren mit Eisen an den Wänden festgekettet, die bei jeder Bewegung knirschten und klirrten. Ich packte einen der Männer, die schon standen; einen braunbärtigen Schotten in zerschlissenem gelb-grünem Tartan. Die Armknochen, die ich in der Hand hatte, lagen beängstigend dicht unter der Haut; die Engländer verschwendeten wahrhaftig keinen Bissen zu viel an ihre Gefangenen.
»James Fraser? Ein großer, rothaariger Mann! Ist er in dieser Zelle? Wo ist er?«
Gemeinsam mit den anderen, die nicht angekettet waren, war er schon auf dem Weg zur Tür, doch er hielt einen Moment inne, um mich anzusehen. Inzwischen hatten die Gefangenen begriffen, was los war, und strömten als schlurfende Flut durch die offene Tür, während sie sich murmelnd gegenseitig ansahen.
»Wer, Fraser? Och, den haben sie heute Morgen abgeholt.« Der Mann zuckte mit den Schultern und zog an meinen Händen, um mich abzuschütteln.
Ich packte ihn am Gürtel, so dass er zum Stehen kam. »Wohin haben sie ihn denn gebracht? Wer hat ihn mitgenommen?«
»Wohin, weiß ich nicht; es war dieser Randall – der versteht keinen Spaß.« Er befreite sich mit einem ungeduldigen Ruck, und die Art, wie er auf die Tür zusteuerte, zeugte von lang gehegter Zielstrebigkeit.
Randall. Im ersten Moment stand ich da wie vom Donner gerührt, während mich die flüchtenden Männer hin und her schubsten, taub für die Schreie der Angeketteten. Schließlich riss ich mich aus meiner Benommenheit und versuchte zu überlegen. Geordie hatte die Festung seit Tagesanbruch beobachtet. Den ganzen Morgen über hatte niemand sie verlassen außer einem kleinen Trupp aus der Küche, der zum Markt ging. Sie waren also noch irgendwo hier.