»Nun ja. Das ist ein erbärmlicher Erklärungsversuch, oder? Ich bin vermutlich ohnehin viel zu empfindlich, was das betrifft. Schließlich kann ich es ja selbst nicht sehen; vielleicht ist es gar nicht so schlimm, wie ich glaube.« Ich hatte schon öfter beobachtet, wie Kriegsverletzte auf Krücken über die Straße humpelten und die Leute die Blicke abwendeten, wenn sie an ihnen vorbeigingen. Ich fand überhaupt nicht, dass es ein erbärmlicher Erklärungsversuch war.
»Aber es stört dich nicht, wenn
»Nein.« Er klang ein wenig überrascht und hielt einen Moment inne, um darüber nachzudenken. »Es ist wohl … du scheinst eine Art zu haben, mich spüren zu lassen, dass es dir leidtut, ohne dass ich mich bemitleidet fühle.«
Er blieb geduldig sitzen und bewegte sich nicht, während ich hinter ihn trat und seinen Rücken betrachtete. Ich wusste ja nicht, für wie schlimm er es hielt, doch es war schlimm. Selbst bei Kerzenschein war ich entsetzt, obwohl ich es nicht zum ersten Mal sah. Beim ersten Mal hatte ich ja nur die eine Schulter gesehen. Die Narben bedeckten seinen ganzen Rücken von den Schultern bis zur Taille. Viele von ihnen waren zwar zu dünnen weißen Streifen verblasst, doch die schlimmsten bildeten dicke silberne Wülste, die seine glatten Muskeln zerteilten. Ich dachte mit einigem Bedauern, dass es einmal ein sehr schöner Rücken gewesen sein musste. Seine Haut war hell und straff, und die Konturen seiner Knochen und Muskeln waren immer noch kraftvoll und elegant, die Schultern flach und aufrecht und die Wirbelsäule eine glatte, gerade Mulde, die sich tief zwischen den runden Säulen seiner Muskeln hindurchzog.
Und Jamie hatte recht. Wenn ich mir diese sinnlose Zerstörung betrachtete, konnte ich es nicht vermeiden, mir im Geist den Vorgang auszumalen, der sie verursacht hatte. Sosehr ich mich auch bemühte, es mir nicht vorzustellen, die muskulösen Arme erhoben, ausgebreitet und gefesselt, Stricke, die ihn in die Handgelenke schnitten, der kupferrote Kopf, der sich schmerzerfüllt gegen den Pfosten presste … Die Narben beschworen solche Bilder nur zu bereitwillig herauf. Hatte er geschrien, als es geschah? Ich schob den Gedanken hastig beiseite. Natürlich hatte ich die Geschichten gehört, die nach dem Krieg aus Deutschland durchsickerten, und zwar von viel schlimmeren Grausamkeiten, doch er
Unwillkürlich streckte ich die Hand aus, als könnte ich ihn mit meiner Berührung heilen und die Narben mit den Fingern ausradieren. Er seufzte tief, doch er bewegte sich nicht, während ich die Narben nachzeichnete, eine nach der anderen, wie um ihm das Ausmaß der Zerstörung zu zeigen, die er nicht sehen konnte. Schließlich legte ich ihm schweigend ganz sacht die Hände auf die Schultern, während ich nach Worten suchte.
Er legte seine Hand auf die meine und drückte sie sacht – er wusste, was ich nicht ausdrücken konnte.
»Anderen ist schon viel Schlimmeres zugestoßen, Kleine«, sagte er leise. Dann ließ er los, und der Bann war gebrochen.
»Es fühlt sich an, als würde es gut verheilen«, sagte er und versuchte, einen Seitenblick auf seine Schulterverletzung zu werfen. »Es tut kaum noch weh.«
»Das ist gut«, sagte ich und räusperte mich, denn ich schien etwas im Hals zu haben. »Es heilt tatsächlich gut; die Wunde ist ordentlich verkrustet, und sie ist nirgendwo feucht. Achte nur darauf, dass sie sauber bleibt, und benutze den Arm noch ein oder zwei Tage lang nicht mehr als nötig.« Ich klopfte ihm auf die unverletzte Schulter, um ihm anzudeuten, dass er entlassen war. Er zog sich ohne Hilfe das Hemd wieder an und steckte sich die langen Schöße in den Kilt.
Es gab einen peinlichen Moment, als er an der Tür stand und nach etwas suchte, das er zum Abschied sagen könnte. Schließlich lud er mich ein, am nächsten Tag in den Stall zu kommen, um mir ein neugeborenes Fohlen anzusehen. Ich versprach es ihm, und wir wünschten uns gleichzeitig eine gute Nacht. Wir lachten und nickten uns absurd zu, bevor ich die Tür hinter ihm schloss. Ich ging sofort zu Bett, schlief vom Wein benommen ein und träumte verstörende Träume, an die ich mich am Morgen nicht mehr erinnern konnte.
Nachdem ich am nächsten Tag einen ausgedehnten Vormittag damit zugebracht hatte, neue Patienten zu behandeln, die Vorratskammer nach nützlichen Kräutern zu durchstöbern, um den Arzneischrank aufzufüllen, und die Einzelheiten feierlich in Davie Beatons schwarzem Buch festzuhalten, verließ ich mein Kämmerchen, um mir frische Luft und Bewegung zu verschaffen.