»Du bist rausgeflogen!«, schrie Anawak. »Gefeuert, gehimmelt, abserviert. Du hast Mist gebaut, und Davie hat dich auf die Straße gesetzt. Dein beschissenes kleines Selbstbewusstsein hat das nicht verkraftet, genauso wenig, wie es Jack O’Bannon verkraftet, wenn man ihm die Haare schneidet und ihm die Lederklamotten und den läppischen Namen wegnimmt. Deine ganze Ideologie beruht auf Missverständnissen und Fälschungen, Jack. Alles an dir ist eine Fälschung. Du bist eine Null, ein Nichts. Du produzierst nur Scheiße! Du schadest dem Naturschutz, du schadest den Nootka, du bist nirgendwo zu Hause, nirgendwo heimisch, du bist kein Ire und kein Indianer, das ist dein verdammtes Problem, und es macht mich krank, dass wir uns damit herumschlagen müssen, als hätten wir keine anderen Sorgen!«

»Leon …«, sagte Greywolf mit schmalen Lippen.

»Es macht mich krank, dich so zu sehen.«

Greywolf stand auf. »Leon, halt den Mund. Es reicht.«

»Es reicht noch lange nicht. Zum Teufel, du könntest so viel Sinnvolles tun, du bist ein Berg voller Muskeln, blöde bist du auch nicht, also was …«

»Leon, halt endlich die Schnauze!«

Greywolf kam um den Tisch auf ihn zu, mit Riesenschritten, die Fäuste geballt. Anawak sah zu ihm hoch. Er fragte sich, ob ihn schon der erste Schlag ins Reich der Träume befördern würde. Greywolf hatte dem Touristen damals den Kiefer gebrochen. Ganz sicher würde ihn seine vorlaute Klappe ein paar Zähne kosten.

Aber Greywolf schlug nicht zu. Stattdessen stemmte er beide Hände auf die Lehnen von Anawaks Sessel und beugte sich über ihn. »Du willst wissen, warum ich mir dieses Leben ausgesucht habe? Willst du’s wirklich wissen?«

Anawak starrte ihn an. »Nur zu.«

»Nein, das willst du nämlich nicht, du selbstgerechtes kleines Arschloch.«

»Doch. Du hast nur nichts zu sagen.«

»Du …« Greywolfs Kiefer mahlten. »Verdammter Idiot. Ja, ich bin unter anderem auch Ire, aber in Irland war ich nie. Meine Mutter ist zur Hälfte Suquamish. Sie ist weder von den einheimischen Weißen noch von den Indianern richtig akzeptiert worden, also hat sie einen Einwanderer geheiratet, und der wurde auch von keinem akzeptiert.«

»Rührend. Das hast du mir schon mal erzählt. Erzähl mir was Neues.«

»Nein, ich werde dir einfach die Wahrheit erzählen, und du hörst gefälligst zu! Du hast Recht, ich werde kein Indianer, wenn ich wie einer rumlaufe. Ich würde aber auch kein Ire, wenn ich anfinge, literweise Guinness zu saufen, und ein stinknormaler weißer Amerikaner schon gar nicht, bloß weil wir in unserer Familie auch so was haben. Ich bin nicht authentisch. Ich gehöre nirgendwo richtig dazu, und weißt du was? Ich — kann — es — verdammt — nochmal — nicht — ändern!«

Seine Augen blitzten. »Du müsstest nur den Arsch hochkriegen und könntest was ändern. Du müsstest einfach nur deine Geschichte umdrehen. Ich hatte nie die Möglichkeit, meine Geschichte umzudrehen.«

»Schwachsinn!«

»Oh, sicher, ich hätte mich benehmen und was Anständiges lernen können. Wir leben in einer offenen Gesellschaft. Niemand fragt danach, woraus du zusammengesetzt bist, wenn du Erfolg hast, aber ich hatte keinen. Es gibt ethnisch Zusammengeflickte, die haben das Beste aus allen Welten mitbekommen. Die sind überall zu Hause. Meine Eltern sind einfache, verunsicherte Leute. Sie haben es nie verstanden, ihrem Sohn so etwas wie Selbstbewusstsein und Zugehörigkeit zu vermitteln. Sie fühlten sich entwurzelt und missverstanden, und ich habe das Schlechteste aus allen Welten mitbekommen! Alles ist misslungen, und das Einzige, was geklappt hat, ist auch misslungen!«

»Ach ja. Die Navy. Deine Delphine.«

Greywolf nickte grimmig.

»Die Navy war gut. Ich war der beste Trainer, den sie jemals hatten, und da hat keiner blöde Fragen gestellt. Aber kaum war ich draußen, ging es wieder los. Meine Mutter trieb meinen Vater mit indianischen Bräuchen zum Wahnsinn und er sie mit seinem ständigen Heimweh nach Mayo. Jeder versuchte sich irgendwie zu behaupten. Ich glaube, sie wollten nicht mal stolz darauf sein, irgendwoher zu kommen, sie wollten überhaupt nur irgendwoher kommen und sagen fuck!, ich bin kein Bastard! Das hier ist meine Heimat, hey, hier bin ich zu Hause!«

»Das waren ihre Probleme. Du hättest sie nicht zu deinen machen müssen.«

»Ach ja?«

»Mann, Jack! Du stehst vor mir wie ein Schrank und behauptest, von den Konflikten deiner Eltern dermaßen traumatisiert zu sein, dass du nichts auf die Reihe kriegst?« Anawak schnaubte zornig. »Was macht es für einen Unterschied, ob du Indianer, Halbindianer oder sonst was bist? Niemand ist für seine innere Heimat verantwortlich außer er selber, seine Eltern nicht, keiner.«

Greywolf schwieg überrascht. Dann stahl sich Genugtuung in seine Augen, und Anawak wusste, dass er soeben verloren hatte. Es hatte so kommen müssen.

»Von wem reden wir hier eigentlich?«, fragte Greywolf mit maliziösem Lächeln.

Anawak schwieg. Er sah zur Seite.

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