Greywolf richtete sich langsam auf. Das Lächeln verschwand von seinen Zügen. Plötzlich sah er verbraucht und müde aus. Er ging hinüber zu der Maske und blieb davor stehen.
»Okay, vielleicht bin ich ein Idiot«, sagte er leise.
»Mach dir nichts draus.« Anawak fuhr sich über die Augen. »Wir sind beide Idioten.«
»Du bist der größere von uns beiden. Diese Maske hier stammt aus dem
»Woher weißt du …?« Delaware. Natürlich. Sie war hier gewesen.
»Mach ihr bloß keinen Vorwurf«, sagte Greywolf.
»Was hast du ihr erzählt?«
»Nichts. Du verdammter Feigling. Du willst mir was von Verantwortung erzählen? Du kommst hierher und wagst es, mir diese Scheiße aufzutischen, dass nicht die Eltern für deine innere Heimat zuständig sind, sondern nur du selber? Ausgerechnet du? Leon, ich führe vielleicht ein lächerliches Leben, aber du … du bist doch schon tot.«
Anawak saß da und ließ die letzten Worte Revue passieren. »Ja«, sagte er langsam. »Du hast Recht.«
»Ich habe Recht?«
Anawak erhob sich. »Ja. Ich danke dir nochmals für die Lebensrettung. Du hast Recht.«
»Hey, warte mal.« Greywolf zwinkerte nervös. »Was … was hast du denn jetzt vor?«
»Ich gehe.«
»So? Hm. Na ja, Leon, ich … also, dass du schon tot bist, habe ich nicht so … verdammt, ich wollte dich nicht verletzen, ich … Zum Teufel, steh hier nicht rum, setz dich wieder hin!«
»Wozu?«
»Deine … deine Cola! Du hast sie nicht ausgetrunken.«
Anawak zuckte ergeben die Achseln. Er setzte sich wieder, nahm die Dose und trank. Greywolf sah ihm zu, kam zu ihm herüber und ließ sich wieder auf dem Sofa nieder.
»Was war eigentlich mit diesem kleinen Jungen?«, fragte Anawak. »Scheint dich ja schwer ins Herz geschlossen zu haben.«
»Den wir vom Schiff geholt haben?«
»Ja.«
»Was schon? Er hatte Angst. Ich hab mich um ihn gekümmert.«
»Einfach so?«
»Klar.«
Anawak lächelte. »Ich hatte eher den Eindruck, du willst um jeden Preis in die Zeitung.«
Einen Moment lang wirkte Greywolf verärgert. Dann grinste er zurück. »Klar wollte ich in die Zeitung. Ich fand’s geil, in der Zeitung zu stehen. Das eine schließt das andere ja nicht aus.«
»Der Held von Tofino.«
»Na und? Es war klasse, der Held von Tofino zu sein! Wildfremde Leute haben mir auf die Schulter gehauen. Nicht jeder macht durch bahnbrechende Tests mit Meeressäugern von sich reden. Man nimmt, was man kriegt.«
Anawak nuckelte den letzten Rest aus seiner Dose. »Und wie geht’s deiner … ähm, Organisation?«
»Den
»Ja.«
»Aus die Maus. Nachdem die eine Hälfte bei dem Walangriff ums Leben gekommen ist, hat sich die andere in alle Winde zerstreut.« Greywolf zog die Stirn in Falten. Er sah aus, als horche er in sich hinein. Dann ruhte sein Blick wieder auf Anawak. »Weißt du, Leon, was das Problem unserer Zeit ist? Die Menschen verlieren ihre Bedeutung. Jeder ist ersetzbar. Es gibt keine Ideale mehr, und ohne Ideale gibt es nichts, was uns größer macht, als wir sind. Jeder sucht verzweifelt nach dem Beweis, dass die Welt mit ihm ein bisschen anders ist als ohne ihn. — Ich habe was für diesen Jungen getan. Vielleicht war es sinnvoll. Vielleicht gibt es mir ein bisschen Bedeutung.«
Anawak nickte langsam. »Ja. Das tut es bestimmt.«
Wenige Stunden nach seinem Besuch bei Greywolf blickte Anawak im verschwindenden Tageslicht den Pier entlang.
Menschenleer.
Wie alle Welthäfen war auch Vancouver Harbour ein autarker Kosmos von gewaltigen Ausmaßen, in dem es an nichts zu fehlen schien — bis auf Übersichtlichkeit.