Mergell berührte ihn an der Schulter und deutete auf einen bogenförmigen Durchgang am hinteren Ende der Halle. Skar nickte, trat von der Aufzugsplattform herunter und ging zögernd durch den Raum. Sie gingen durch das Tor, einen kurzen, niedrigen Gang entlang, von dem zahlreiche Türen nach rechts und links abzweigten, und anschließend eine ebenso schmale und niedrige Treppe hinauf. Überall in den Wänden gewahrte er schmale, nach oben spitz zulaufende Öffnungen, Schießscharten wahrscheinlich, und Boden und Decke waren mit einem Muster dunkler, regelmäßiger Linien überzogen, als verberge sich hinter ihrem scheinbar massiven Aussehen ein wahres Labyrinth von Falltüren und Klappen. Wer immer versuchen würde, Ipcearn auf diesem Wege zu stürmen, würde einen grausamen Blutzoll bezahlen müssen. Ipcearn mochte in seinem Äußeren an ein Märchenschloß erinnern, aber es war eine nahezu uneinnehmbare Festung.

Mergell geleitete ihn über ein wahres Labyrinth von Treppen und verzweigten Gängen tiefer ins Innere der Burg. Die Gruppe ihrer Begleiter schmolz allmählich dahin, und als Mergell schließlich stehenblieb und mit einer Kopfbewegung auf ein einfaches, hölzernes Tor deutete, war er mit Skar und Chaime allein. »Geh, Skar«, sagte er auffordernd. »Die Könige erwarten dich.«

Skar wandte überrascht den Kopf. »Jetzt gleich?« sagte er.

Mergell lächelte. »Warum nicht?«

»Aber ich dachte . . .«, murmelte Skar verwirrt. »Wir sind schmutzig und abgerissen von der langen Reise, und . . .«

»Äußerlichkeiten interessieren uns hier nicht, Skar«, fiel ihm Chaime ins Wort. Es war das erste Mal, daß Skar ihn überhaupt reden hörte. Seine Stimme war dunkler als die Mergells und schien auf unbestimmbare Art mehr Autorität und Ruhe auszustrahlen. »Du kannst dich später säubern und ausruhen. Nun geh.«

Skar zuckte die Achseln und trat langsam auf die Tür zu. Mergell und Chaime blieben zurück, warteten jedoch, bis er den Riegel zurückgeschoben und die Tür halb geöffnet hatte, ehe sie sich umwandten und gingen.

Skar trat langsam in den dahinterliegenden Raum und schob die Tür mit dem Fuß ins Schloß. Das Zimmer war kleiner, als er erwartet hatte, und entbehrte jeglicher königlicher Pracht – ein niedriger, rechteckiger Raum ohne Fenster, dessen gesamte Einrichtung aus einem Tisch und einer Anzahl dreibeiniger Hocker bestand. Eine einzelne Fackel verbreitete flackerndes rotes Licht, und in der Luft lag ein kaum wahrnehmbarer Duft, der ihn an Blumen und frisch gemähtes Gras erinnerte. Auf der gegenüberliegenden Seite gab es eine zweite, durch einen in schweren roten Falten fallenden Vorhang verschlossene Tür.

»Du bist also Skar«, sagte eine Stimme.

Skar fuhr erschrocken herum und gewahrte erst jetzt den Mann, der auf einem Hocker in einer Ecke des Raumes saß.

»Ich . . . bin Skar«, antwortete er überrascht. »Und Ihr . . .«

»Ich bin Seshar, der König von Ipcearn«, antwortete der Mann. Er stand auf, lächelte flüchtig und kam mit gemessenen Schritten auf ihn zu. Er war nur wenig älter als Skar, aber kleiner und von gebeugter Statur. Sein Haar war grau und dünn und ebenso mühsam wie vergeblich so gekämmt, daß es die beginnende Stirnglatze verbergen sollte.

»Einer der Könige«, schränkte er ein, nachdem er vor Skar stehengeblieben war und ihn eine Weile gemustert hatte. »Meine Gemahlin läßt sich entschuldigen, für den Moment. Sie wird dich später begrüßen.« Er deutete einladend auf einen der Stühle. »Setz dich, Skar. Du mußt müde von der anstrengenden Reise sein. Ich hoffe, ihr seid nicht behelligt worden?«

Skar schüttelte den Kopf und ging zögernd hinter Seshar her. Der König ließ sich mit einem leisen Seufzer auf einen der Stühle sinken, stützte die Unterarme auf der Tischplatte auf und legte die Hände übereinander.

»Du hast dich gut erholt, wie ich sehe«, sagte er. »Und auch deinem Kameraden geht es besser?«

»Er ist gesund«, bestätigte Skar. »Ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft und die Hilfe, die Euer Volk . . .«

Seshar blinzelte unwillig und machte eine rasche, ungeduldige Handbewegung.

»Morgen«, sagte er, »werden wir dir zu Ehren ein Bankett geben. Dann kannst du dich bedanken, soviel du willst. Im Augenblick haben wir Dringenderes zu besprechen.« Er lächelte, als er den überraschten Ausdruck auf Skars Miene sah.

»Es wird dich vielleicht verwundern, wenn ich so direkt und ohne Umschweife zur Sache komme«, fuhr er fort, »doch ich möchte, daß du alle Einzelheiten kennst, ehe du dich entscheidest.«

Skar wollte etwas sagen, aber Seshar schüttelte erneut den Kopf und sprach weiter:

»Ich weiß, was wir von dir verlangen, Skar. Und ich kenne auch deine Antwort. Du bist nicht der erste, der den Weg nach Cearn findet.« Er stand auf, sah Skar für die Dauer von drei, vier Herzschlägen durchdringend an und winkte dann mit der Hand. »Komm mit mir, Skar.«

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