»Gegen Legenden«, murmelte Seshar mit einem milden, verzeihenden Lächeln,
»kämpfen selbst Könige vergebens. Du magst dich wundern, daß ich Mergell mit der Bitte um Hilfe zu dir sandte und nun das genaue Gegenteil von dir verlange, doch ich hatte keine andere Wahl. Wenn es einen Mann gibt, der den Menschen in Went und Ipcearn sagen kann, daß er nicht der ist, den sie in ihm sehen, so bist du es selbst. Aber du mußt behutsam vorgehen, Skar. Unser Volk lebt von der Hoffnung. Ohne sie müßte es zugrunde gehen. Nimm sie ihm nicht. Du würdest es vernichten.«
Skar schwieg betreten. Er wußte nicht, was er erwartet hatte, als er Seshar gegenübertrat – Hochmut und Überheblichkeit, vielleicht auch einen Herrscher, der mit strenger Güte regierte –, aber kaum einen traurigen alten Mann, der ihn um Hilfe bat, ihn beinahe anflehte. Seshars Worte hatten ihn tief erschüttert, mehr, als er zugeben wollte. Plötzlich glaubte er zu spüren, wie schwer die Last war, die Seshar tragen mußte. Cearn war kein gewöhnliches Königreich, und die Veranwortung, die er trug, war nicht die eines gewöhnlichen Königs. Auf seinen Schultern lastete mehr als das Schicksal eines Volkes; er mußte sich weniger um Politik als um die Seelen seiner Untertanen sorgen, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Bei ihm – nur bei ihm – lag die Aufgabe, seinem Volk immer wieder neuen Mut zu vermitteln, ihm zu helfen, an einem Werk zu arbeiten, dessen Erfüllung weder sie noch ihre Kinder oder Kindeskinder jemals erleben würden.
»Du möchtest also, daß ich Mergells Ansinnen abschlage«, sagte er.
Seshar nickte. »Ja. Vielleicht hättest du auch ohne meine Bitte so entschieden, doch ich will, daß du weißt, was von deiner Entscheidung abhängt. Bernec und seine Anhänger glauben, nicht mehr länger warten zu können. Vielleicht haben sie recht, Skar. Vielleicht können sie Urcöun erreichen, und vielleicht würde es ihnen gelingen, es zurückzuerobern. Vielleicht.«
»Ihr wißt es nicht?« fragte Skar.
Erneut blickte Seshar lange und schweigend aus dem Fenster, ehe er antwortete, und erneut hatte Skar das Gefühl, daß seine Worte weniger Erklärung, sondern vielmehr Bitte waren. »Ihr habt die Wüste kennengelernt«, sagte er. »Ihr wißt, wie grausam sie ist. Wir haben Patrouillen nach Westen geschickt, immer und immer wieder, doch keine von ihnen hat jemals Urc erreicht.«
Seshar zögerte einen Moment, und Skar hob seinen Becher und trank mit langsamen, ruhigen Schlucken. Er war sich der Tatsache bewußt, daß Seshar ihm viel anvertraute, vielleicht mehr als gut war. Und trotzdem spürte er, daß er ihm noch nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte.
»Vielleicht würden sie Urc finden und den Kampf gegen die Invasoren gewinnen«, fuhr Seshar nach einer endlos anmutenden Pause fort. »Aber dieses Vielleicht ist mir nicht sicher genug, Skar. Unser Volk hat jahrtausendelang gehofft und gekämpft, zu lange, um alles aufs Spiel zu setzen. Vielleicht würden sie Urcöun finden, aber vielleicht auch nicht. Es wird von Generation zu Generation schwerer, unseren Kindern neue Hoffnung zu geben. Wenn Bernec sein Vorhaben verwirklichen könnte und wenn er dann versagen würde, würde es mehr als ein paar hundert Menschenleben kosten, Skar. Es würde das Ende unserer Hoffnungen bedeuten. Das Ende Cearns.«
»Und welche Rolle spielen Del und ich dabei?« fragte Skar.
Seshar lächelte traurig. »Eine größere, als uns beiden recht sein kann, Skar. Dirobliegt es, den Menschen Cearns zu sagen, daß du nicht der lang erwartete Befreier bist. Ich kann dir nicht dabei helfen.«
Stille legte sich über den Raum; eine Stille, die etwas ungemein Bedrückendes mit sich zu bringen schien. Das also war das Geheimnis Cearns, beinahe enttäuschend auf der einen Seite, aber auch beklemmend und furchteinflößend. Ohne daß er irgend etwas Besonderes getan oder auch nur etwas davon gemerkt hätte, war ihm die Verantwortung für das Schicksal eines ganzen Volkes zugefallen. Seshar hatte recht – er konnte ihm nicht helfen, so gerne er es gewollt hätte. Er und Del waren von einem Tag auf den anderen zu Göttern geworden. Aber es war nicht leicht, ein Gott zu sein.
Er nippte erneut an seinem Wein und drehte den Becher unschlüssig in den Händen, froh, etwas zu haben, an dem er sich festhalten konnte. »Wenn Bernec wirklich der führende Mann der. . . ›Ungeduldigen‹ ist«, sagte er betont, »warum bittet Ihr ihn dann nicht zu Euch und erklärt ihm alles. Er ist vielleicht jung und aufbrausend, aber ich glaube, daß er vernünftig genug ist, Euch zuzustimmen.«