»Sicher«, sagte Seshar. »Doch es wäre sinnlos, Skar. Ein neuer Bernec würde heranwachsen, und die Probleme wären die gleichen. Auch ich war einst jung, auch wenn es schon lange her ist, und ich kann gut verstehen, was in Bernec und seinen Freunden vorgeht. Auch ich habe einmal zu denen gehört, die nicht länger warten wollten, und wäre ich nicht zufällig als Sohn eines Königs aufgewachsen, wäre ich vielleicht selbst zu einem zornigen jungen Mann wie Bernec geworden. Vielleicht«, fuhr er mit veränderter Betonung fort, »ist es ein Privileg der Jugend, ungeduldig zu sein, und vielleicht ist es an jedem anderen Ort wichtig und sogar notwendig, daß die Jugend sich gegen Bestehendes auflehnt. Aber so, wie die übrige Welt von der Veränderung lebt, so lebt Cearn von der Ruhe. Verändere dieses System, Skar, und du vernichtest es.«
Am nächsten Morgen wurde er noch vor Sonnenaufgang von einem Diener geweckt. Er war nicht mehr lange bei Seshar geblieben. Der scharfe Ritt hatte ihn mehr ermüdet, als er anfangs geglaubt hatte, und nachdem die Spannung nach und nach von ihm abgefallen war, war er rasch müde geworden. Seshar hatte ihm angeboten, zusammen mit ihm zu Abend zu essen, doch Skar hatte abgelehnt und statt dessen darum gebeten, auf sein Zimmer geführt zu werden. Seshar mußte gespürt haben, daß Skars Müdigkeit nicht mehr als ein vorgeschobener Grund war und er in Wirklichkeit nur allein sein wollte, um über das Gehörte nachzudenken, aber er hatte seinen Wunsch akzeptiert und ihn von einem Diener in den westlichen Teil der Festung geleiten lassen. Skar hatte lange wach gelegen und keinen Schlaf gefunden, und seine Gedanken waren immer und immer wieder um die gleichen Fragen gekreist, ohne einer Lösung auch nur nahe zu kommen. Seshars Worte, das war ihm trotz aller Freundlichkeit und der offenen Art, in der der König mit ihm geredet hatte, zweifelsfrei klar, waren mehr als nur Erklärung oder Bitte gewesen. Er hatte ihn auch wissen lassen, daß er ihn töten würde, wenn kein anderer Ausweg blieb. Und Skar nahm ihm diese kaum verhüllte Drohung noch nicht einmal übel. Ihm blieb keine andere Wahl, und wenn er den Befehl geben würde, die beiden Fremden, die das Gleichgewicht Cearns störten, zu töten, dann nicht aus Bosheit, sondern weil er es mußte.
Er stand auf, wusch sich gründlich und wollte gewohnheitsmäßig nach seinen Kleidern greifen, die er neben dem Bett zu Boden geworfen hatte. Sie waren nicht mehr da. Statt dessen entdeckte er, sauber zusammengefaltet über einem Stuhl direkt neben der Tür, knielange braune Hosen, wie sie in Went getragen wurden, Stiefel und eine offene Bluse, dazu einen dunkelroten, prachtvoll bestickten Umhang. Einzig Harnisch und Waffengurt waren von seinen eigenen Kleidern übriggeblieben. Für einen winzigen Moment war er verärgert, dann zuckte er resignierend die Achseln und begann sich anzuziehen. Er konnte wohl kaum in den Lumpen, die er bisher getragen hatte, vor einen König treten. Sekundenlang betrachtete er sich kritisch in dem polierten Metallschild, das als Spiegel von der Wand hing, strich dann glättend über den Stoff des Umhanges und lächelte zufrieden. Obwohl die Kleider für seinen Geschmack ein wenig zu geckenhaft und herausgeputzt wirkten, war er doch zum ersten Mal seit Wochen wieder wie ein Mensch gekleidet, nicht wie ein Bettler. Und fast als hätte diese äußerliche Veränderung auch seinem Körper spürbar gutgetan, fühlte er sich frisch und kräftig wie schon lange nicht mehr. Erging ein paar Schritte im Raum auf und ab, machte ein paar vorsichtige Kniebeugen und zog dann rasch mehrmals hintereinander das Schwert aus der Scheide. Die Waffe fühlte sich vertraut und gut in seiner Hand an, und für einen Moment juckte es ihm in den Fingern, einfach hinauszustürmen und einen Soldaten zu einem freundschaftlichen Kampf herauszufordern.
Der Gedanke ließ ihn lächeln.
Nein. Cearn war kein Land für ihn. Es wurde Zeit, daß sie hier wegkamen. Ein zaghaftes Klopfen an der Tür ließ ihn zusammenfahren und hastig die Waffe zurückstecken. Er ordnete eilig seine Kleider, strich sich mit der Hand über das Haar und öffnete die Tür.
Auf dem Gang stand Mergell. Er hob die Augenbraue, als er Skars Aufmachung sah, trat zurück und machte eine einladende Handbewegung. »Die Könige wünschen dich zu sprechen, Skar«, sagte er. »Wenn du bereit bist, heißt das.«
Skar trat auf den Gang hinaus und ging provozierend langsam in die Richtung, die Mergell ihm gewiesen hatte. Ipcearn war jetzt nicht mehr so ruhig wie am vorigen Abend. Schritte und die Geräusche murmelnder Stimmen hallten über den Gang, und mehr als einmal begegneten sie Gruppen eilig dahinhastender Diener oder Soldaten, die respektvoll vor ihnen zur Seite wichen und dem sonderbaren Fremden teils bewundernde, teils mißtrauische und fast feindselige Blicke hinterherwarfen.