Hier fand keinerlei Verehrung statt — natürlich nicht, da die Anbetung eine Sache der Männer und nicht der Frauen war, und ganz bestimmt nicht für kleine Mädchen. Doch Emeez hatte gehört, daß die Männer die Götter verehrten, indem sie sie leckten, bis sie ganz naß und weich waren, und sie dann über ihre Körper rieben. Sie hatte es nicht geglaubt, bis sie in die erste der Gebetskammern kam.

Einige der Götter waren sehr kompliziert geformt und hatten betörend schöne Gesichter. Es gab Abbildung von wilden Kriegern und von den schrecklichen Himmelsfleisch-Ungeheuern, von Ziegen und Hirschen, von zusammengerollten Schlangen und Libellen, die auf Schilfrohr kauerten. Doch als Mutter auf die allerheiligsten Götter zeigte — auf jene, die am meisten verehrt wurden —, waren diese zu Emeez’ Überraschung gar nicht besonders kunstfertig geformt. Die heiligsten von ihnen waren nur glatte Tonklumpen.

»Warum sind die wunderschönen Götter nicht so heilig wie die, die nach gar nichts aussehen?«

»Ach«, sagte Mutter, »du mußt wissen, sie waren einmal die schönsten von allen. Aber sie wurden am inbrünstigsten verehrt, und sie haben uns gute Kinder und gute Jagden gegeben. Und so wurden sie natürlich sehr glatt geleckt. Aber wir erinnern uns, wie sie ausgesehen haben.«

Die glatten Klumpen störten Emeez. »Könnte man ihnen nicht neue Gesichter schnitzen?«

»Mach dich nicht lächerlich. Das wäre Blasphemie.« Mutter schaute verärgert drein. »Ehrlich, Emeez, ich verstehe nicht, was dir für Gedanken kommen. Niemand schnitzt die Götter. Sie hätten keine Macht, würden die Männer und Frauen sie einfach nur aus Ton erschaffen.«

»Aber wer stellt sie dann her?«

»Wir bringen sie nach Hause«, sagte Mutter. »Wir finden sie und bringen sie nach Hause.«

»Aber wer macht sie?«

»Sie machen sich selbst«, sagte Mutter. »Sie steigen allein aus dem Ton des Flußufers empor.«

»Darf ich das mal beobachten?«

»Nein«, sagte Mutter.

»Ich möchte sehen, wie ein Gott erscheint.«

Mutter seufzte. »Na ja, du bist wohl alt genug. Wenn du versprichst, daß du es den jüngeren Kindern nicht erzählst.«

»Ich verspreche es.«

»Es gibt eine bestimmte Jahreszeit. Die Trockenphase. Das Himmelsfleisch steigt hinab und formt den Schlamm am Flußufer.«

»Das Himmelsfleisch?« Emeez war entsetzt. »Das kann doch nicht dein Ernst sein. Das ist ja widerlich.«

»Natürlich wäre es widerlich«, sagte Mutter, »wenn das Himmelsfleisch wirklich wüßte, was es tut. Aber das weiß es nicht. Die Götter erwachen in den Klumpen, und sie formen den Ton zu fantastischen, komplizierten Mustern, ohne darüber nachzudenken. Wenn sie damit fertig sind, gehen sie einfach fort. Lassen sie zurück. Für uns.«

Das Himmelsfleisch. Diese abscheulichen Flugdinger, die manchmal Jäger fingen und töteten. Ihre Jungen wurden nach Hause gebracht und gebraten und an Schwangere verfüttert. Sie waren gefährlich, geistlose Tiere, verräterisch und verstohlen, und sie schufen die Götter?

»Ich fühle mich nicht gut, Mutter«, sagte Emeez.

»Nun, dann bleib ein paar Minuten hier sitzen und ruhe dich aus«, sagte Mutter. »Ich soll zur Priesterin kommen, die drei Räume über uns sitzt — in diese Richtung — und darf mich nicht verspäten. Aber du wirst mir folgen und mich suchen, ja? Du wirst nicht vom Hauptpfad abkommen und dich verirren, oder?«

»Ich glaube nicht, daß ich plötzlich dumm geworden bin, Mutter.«

»Aber du bist plötzlich unhöflich geworden. Das gefällt mir nicht an dir, Emeez.«

Na ja, niemandem gefällt irgend etwas an mir, dachte sie. Aber das heißt ja nicht, daß ich einer Meinung mit ihnen sein muß. Ich glaube, ich bin eine ausgezeichnete Gesellschaft. Ich bin viel klüger als alle meine Freundinnen, und daher ist alles, was ich zu mir selbst sage, interessant und aufregend und ist nie zuvor gesagt worden. Im Gegensatz zu jenen, die immer und immer wieder, endlos, dieselben Happen »Weisheit« vorbringen, die sie von ihren Müttern aufgeschnappt haben. Und ich bin bestimmt eine bessere Gesellschaft als die Jungen, die immer mit Gegenständen werfen und sie kaputtmachen und durchschneiden. Es ist viel besser, zu gestalten, wie die Frauen es tun, und Dinge zu sammeln, statt sie zu töten, und Blätter und Früchte und Fleisch und Wurzeln so zusammenzustellen, daß sie schmecken. Ich werde eine gute Frau sein, ob ich nun haarig bin oder nicht, und der Mann, der mich irgendwann bekommt, wird großes Aufheben darum machen, wie enttäuscht er ist. Aber insgeheim wird er froh sein, und ich werde ihm einen ganzen Stall kluger haariger Babys machen, und sie werden genauso häßlich und genauso klug und gerissen sein, wie ich es bin, bis sie eines Tages aufwachen und begreifen werden, daß die Haarigen die besten Frauen und Mütter sind und die Haarlosen ständig nur schleimig und kalt sind, wie geschälte Melonen.

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