Die Priesterin ging auf alle viere hinab. Augenblicklich tat Mutter es ihr gleich, und Emeez war immerhin so gut erzogen, daß sie wußte, auch sie mußte diese Haltung einnehmen. Es war jedoch aufheiternd, denn es bedeutete, daß die Priesterin sie ernst nahm. »Was hast du plötzlich gewußt?« fragte Vleezheesumuunuun.

»Nun, wenn ich jetzt darüber nachdenke, weiß ich nicht mal, was es zu bedeuten hat.«

»Sag es uns trotzdem«, sagte Mutter, und die Priesterin blinzelte langsam ein Ja.

»Diejenigen, die verloren sind, kehren nach Hause zurück.«

Mutter und die Priesterin sahen sie verdutzt an. Schließlich ergriff Mutter das Wort. »Das ist alles?«

»Das ist genug«, flüsterte die Priesterin. »Sag es niemandem.« Sie hatte ihre Augen geschlossen.

»Dann weißt du, was es bedeutet?« fragte Mutter.

»Nein«, sagte die Priesterin. »Nicht, was es bedeutet. Aber erinnerst du dich nicht an das Lied der Schöpfung, in dem die große Prophetin Zz sagte: ›Es wird kein Fleisch mehr am Himmel geben an dem Tag, da die Verlorenen gefunden werden, und keine Götter mehr vom Fluß, wenn die Wanderer nach Hause kommen!‹?«

»Nein, daran erinnere ich mich nicht«, sagte Mutter, »und wenn du genau darauf achtest, hat Zz nichts davon gesagt, daß Verlorene nach Hause kommen. Sie hat gesagt, daß die Verlorenen gefunden werden und die Wanderer nach Hause kommen. Deshalb bin ich nicht der Ansicht, daß du diese Sache so ernst nehmen und meine arme Tochter zu Tode erschrecken mußt.«

Aber offensichtlich war es Mutter, die fürchterliche Angst hatte. Emeez jedenfalls hatte keine Furcht. Sie war freudig erregt. Der Gott hatte ihr gesagt, daß er ihre Verehrung akzeptierte und ihr dann ein Geschenk gemacht, diesen Fetzen Wissen, der ihr selbst zwar nichts bedeutete, der Priesterin anscheinend aber sehr viel — und auch Mutter, obwohl sie das Gegenteil behauptete.

»Das ändert alles«, sagte die Priesterin.

»Das hatte ich befürchtet«, murmelte Mutter.

»Ach, mach dich doch nicht lächerlich«, sagte die Priesterin. »Ich werde trotzdem einen Gatten für deine Tochter finden.«

Einen Gatten finden! Was für eine schreckliche Schande! Eine arrangierte Ehe! Mutter war so sicher, daß kein Mann Emeez je haben wollte, daß sie zu der Priesterin gegangen war, um eine Opferehe zu arrangieren? Ein Mann sollte gezwungen werden, sie zur Frau zu nehmen, um für irgendein Vergehen zu büßen? Emeez hatte das bereits zweimal miterlebt, und beide Male hatte die Frau, die auf diese Weise feilgeboten wurde, ebenfalls ein Vergehen begangen — und es war ihre Buße gewesen, einem Mann aufgedrückt zu werden wie ein häßliches Heilkraut auf eine Wunde.

»Was für ein Verbrechen habe ich begangen?« flüsterte Emeez.

»Sei nicht so gereizt«, sagte die Priesterin. »Wie ich schon sagte, das ändert alles.«

»Inwiefern?« fragte Mutter.

»Drücken wir es einfach so aus … Wenn ein Mädchen verkündet, daß die Worte von Zz erfüllt werden, wird dieses Mädchen keinem gewöhnlichen Sünder oder einem moralischen Kretin zur Frau gegeben.«

O Freude aller Freuden, dachte Emeez verbittert. Ich nehme an, das bedeutet, daß ich einem wahrhaft außergewöhnlichen Schurken zur Frau gegeben werde.

»Sie ist sechs?« fragte die Priesterin. »In zwei Jahren wird sie eine Frau sein?«

»Soweit man so etwas vermuten kann«, sagte Mutter. »Es ist natürlich die Entscheidung der Götter.«

Die Priesterin streichelte Emeez’ Fell. Wie stets versteifte Emeez sich unter der Berührung. Die Leute berührten auch immer die gekrümmten Glieder oder Stümpfe von Krüppeln, und das konnte sie einfach nicht ausstehen, auch wenn es ihnen Glück bringen sollte. Aber dann wurde ihr klar, daß die Priesterin keineswegs diese zögernde kleine Glücksberührung vollzog. Sie streichelte Emeez’ Fell anscheinend mit echter Zuneigung, und es fühlte sich gut an. »Ich weiß nicht, ob es richtig gewesen ist«, sagte die Priesterin, »dieses weiche, flaumige Nichthaar schön zu nennen. Ich glaube, mit dem Haar unserer Frauen haben wir vielleicht noch etwas verloren. Die Nähe zu den Göttern.«

Mutter war zu höflich, um zu widersprechen, doch allein ihr Schweigen machte offensichtlich, daß sie nicht dieser Ansicht war.

Die Priesterin sprach noch immer. »Muf, der Sohn der Kriegskönigs, wird etwa zu gleichen Zeit wie unsere Emeez hier ins richtige Alter kommen.«

Nach einer kurzen Pause lachte Mutter auf. »Es kann doch nicht dein Ernst sein, daß du …«

»Ein Mädchen, das nach all diesen Jahrhunderten das Echo von Zz hört …«

Mutter protestierte noch immer. »Aber Muf wird nicht glücklich sein, so ein …«

»Muf will Kriegskönig werden. Er wird heiraten, wie die Götter es befehlen. Und was mich betrifft, so haben die Götter heute hier entschieden.«

Aber es waren doch gar nicht die Götter, dachte Emeez. Eigentlich habe ich doch ihn gewählt.

»Es ist zuviel für sie«, sagte Mutter. »Sie hat eine solche Ehre nicht erwartet.«

»Die Mädchen, die sie erwarten«, sagte die Priesterin, »sollten sie niemals bekommen.«

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