»Na ja – wenn ihr mitmacht – drei«, sagte Hermine.
»Und du glaubst im Ernst, wir wollen mit Ansteckern rumlaufen, auf denen ›Belfer‹ steht?«
»B-ELFE-R!«, zürnte Hermine.»Zuerst hatte ich ›Stoppt die schändliche Mißhandlung unserer magischen Mitgeschöpfe – Bewegung zur Stärkung der Elfenrechte‹, aber das hat nicht draufgepaßt. Dafür ist es jetzt der Titel unseres Manifests.«
Sie wedelte mit dem Pergament unter ihren Nasen.»Ich hab in der Bibliothek gründlich nachgeforscht. Die Elfenversklavung reicht schon Jahrhunderte zurück. Ich kann einfach nicht fassen, daß bisher niemand was dagegen unternommen hat.«
»Hermine – nun hör mal gut zu«, sagte Ron laut.»Sie. Mögen. Es. Sie mögen es, versklavt zu sein!«
»Unser kurzfristiges Ziel«, sagte Hermine, noch lauter sogar als Ron und scheinbar ohne ein Wort gehört zu haben,»ist die Durchsetzung fairer Löhne und Arbeitsbedingungen. Zu unseren langfristigen Zielen gehört die Änderung des Gesetzes über den Nichtgebrauch von Zauberstäben und der Versuch, eine Elfe in die Abteilung zur Führung und Aufsicht Magischer Geschöpfe zu bringen, denn dort sind sie skandalös schlecht vertreten.«
»Und wie stellen wir das an?«, fragte Harry.
»Zuerst mal werben wir Mitglieder an«, sagte Hermine munter.»Ich dachte an zwei Sickel für die Mitgliedschaft -dafür gibt es einen Anstecker – und mit dem Erlös können wir unsere Flugblattkampagne bezahlen. Du bist der Schatzmeister, Ron – oben hab ich für dich eine Sammelbüchse -, und Harry, du bist der Sekretär, also wär's am besten, wenn du alles mitschreibst, was ich jetzt sage, um unser erstes Treffen festzuhalten.«
Eine Pause trat ein, in der Hermine die beiden anstrahlte und Harry nur dasaß, hin- und hergerissen zwischen Ärger über Hermine und Belustigung über Rons Miene. Nicht Ron brach das Schweigen, der ohnehin aussah, als hätte es ihm zeitweilig die Sprache verschlagen, sondern ein leises tok, tok am Fenster. Harry spähte durch den inzwischen leeren Gemeinschaftsraum und sah eine ins Mondlicht getauchte Schnee-Eule auf dem Fenstersims hocken.
»Hedwig!«, rief er, sprang aus dem Sessel, stürmte hinüber und riß das Fenster auf.
Hedwig flog herein, schwebte durch den Raum und ließ sich auf dem Tisch mit Harrys Vorhersagen nieder.
»Wird langsam Zeit!«, sagte Harry und rannte ihr nach.
»Sie hat eine Antwort!«, sagte Ron aufgeregt und deutete auf das schmuddelige Stück Pergament, das an Hedwigs Bein gebunden war. Hastig knüpfte Harry das Pergament los und setzte sich, um es zu lesen, woraufhin Hedwig ihm aufs Knie flatterte und leise schuhuhte.
»Was schreibt er?«, fragte Hermine atemlos.
Der Brief war sehr kurz und sah aus, als wäre er in großer Hast hingekritzelt worden. Harry las ihn laut vor:
Harry,
ich fliege sofort nach Norden. Diese Neuigkeit über deine Narbe ist nur das letzte Glied in einer Kette merkwürdiger Gerüchte, die mir hier zu Ohren gekommen sind. Wenn sie wieder anfängt zu schmerzen, geh unverzüglich zu Dumbledore – es heißt, er habe Mad-Eye aus dem Ruhestand zurückgeholt, was bedeutet, daß wenigstens er, wenn auch sonst keiner, die Zeichen liest.
Ich melde mich bald. Meine besten Wünsche an Ron und Hermine. Halt die Augen offen, Harry.
Sirius
Harry sah zu Ron und Hermine auf, die ihn mit großen Augen anstarrten.
»Er fliegt nach Norden?«, flüsterte Hermine.»Er kommt zurück?«
»Was sind das für Zeichen, die Dumbledore liest?«, fragte Ron vollkommen perplex.»Harry, was ist los mit dir?«
Harry hatte sich gerade mit der Faust gegen die Stirn geschlagen und Hedwig aus seinem Schoß geworfen.
»Ich hätt's ihm nicht sagen sollen!«, rief er wütend.
»Wovon redest du eigentlich?«, sagte Ron verdutzt.
»Jetzt denkt er, er muß zurückkommen!«, sagte Harry und donnerte seine Faust so heftig auf den Tisch, daß Hedwig auf Rons Stuhllehne flatterte und entrüstet grummelte.»Zurückkommen, weil er glaubt, ich sei in Schwierigkeiten! Aber mir geht's doch gut! Und für dich hab ich nichts«, fauchte er Hedwig an, die erwartungsvoll mit dem Schnabel klackerte,»da mußt du schon hoch in die Eulerei, wenn du was zu fressen willst.«
Hedwig warf ihm einen zutiefst beleidigten Blick zu, erwischte ihn mit ausgebreitetem Flügel unsanft am Kopf und flog zum offenen Fenster hinaus.
»Harry -«, setzte Hermine beschwichtigend an.
»Ich geh schlafen«, sagte Harry barsch.»Bis morgen früh dann.«
Oben im Schlafsaal zog er seinen Pyjama an und legte sich ins Himmelbett, doch er spürte nicht die geringste Müdigkeit.
Wenn Sirius zurückkäme und gefaßt würde, wäre es seine, Harrys, Schuld. Warum hatte er nicht den Mund gehalten? Ein paar Sekunden Schmerz und er mußte gleich losjammern… hätte er nur kühlen Kopf bewahrt und alles für sich behalten…