Ein gleißend heller grüner Lichtstrahl, ein scharfes Sirren, als ob ein mächtiges, unsichtbares Etwas durch die Luft raste – und im selben Augenblick kullerte die Spinne auf den Rücken, unverletzt, doch offensichtlich tot. Einige Mädchen stießen erstickte Schreie aus; Ron hatte sich nach hinten geworfen und wäre fast vom Stuhl gefallen, als die Spinne auf ihn zu rollte.

Moody wischte die tote Spinne vom Tisch.

»Nicht nett«, sagte er gelassen.»Nicht angenehm. Und es gibt keinen Gegenfluch. Man kann ihn nicht abwehren. Wir kennen bislang nur einen Menschen, der ihn überlebt hat, und der sitzt hier vor mir.«

Harry spürte, wie er rot anlief, als Moodys Augen (diesmal beide) in die seinen blickten. Auch die Blicke aller anderen spürte er im Nacken. Harry starrte die leere Tafel an, als ob sie besonders spannend wäre, doch im Grunde sah er sie gar nicht…

So also waren seine Eltern gestorben… genau wie diese Spinne. Waren auch sie ohne die Spur einer Verletzung geblieben? Hatten sie einfach nur den grünen Lichtstrahl gesehen und das Sirren des rasenden Todes gehört, bevor ihr Leben ausgelöscht wurde?

Seit drei Jahren schon stellte sich Harry den Tod seiner Eltern immer wieder vor, seit er herausgefunden hatte, daß sie ermordet worden waren, und wußte, was in jener Nacht geschehen war: daß Wurmschwanz das Versteck seiner Eltern an Voldemort verraten hatte, der sie daraufhin in dem Haus aufgespürt hatte. Daß Voldemort zuerst Harrys Vater getötet hatte. Daß James Potter versucht hatte, ihn aufzuhalten, und seiner Frau zugerufen hatte, Harry an sich zu reißen und zu fliehen… doch Voldemort war auf Lily Potter zugegangen und hatte ihr befohlen, beiseite zu treten, damit er Harry töten konnte… sie hatte ihn angefleht, sie an Harrys statt zu töten, hatte sich geweigert, Harry preiszugeben… und so hatte Voldemort auch sie ermordet und dann den Zauberstab gegen Harry gerichtet…

Harry kannte diese Einzelheiten, weil er die Stimmen seiner Eltern gehört hatte, als er letztes Jahr gegen die Dementoren kämpfte – denn dies war die schreckliche Gabe der Dementoren: sie zwangen ihre Opfer, die schlimmsten Erinnerungen ihres Lebens noch einmal zu durchleiden und wehrlos in ihrer Verzweiflung zu ertrinken…

Moody begann erneut zu sprechen, doch für Harry klang es wie aus weiter Ferne. Mit äußerster Kraft riß er sich in die Gegenwart zurück, um Moodys Worten zu lauschen.

»Avada Kedavra ist ein Fluch, hinter dem ein mächtiges Stück Magie stehen muß – ihr könntet hier und jetzt eure Zauberstäbe hervorholen, sie auf mich richten und die Worte sagen, und ich würde mir vermutlich nicht mal eine blutige Nase holen. Aber das spielt keine Rolle. Ich bin nicht hier, um euch beizubringen, wie der Fluch funktioniert.

Wenn es keinen Gegenzauber gibt, warum zeige ich euch dann den Fluch? Weil ihr ihn kennen müßt! Ihr müßt das Schlimmste mit eigenen Augen gesehen haben. Ihr wollt euch doch nicht in eine Lage bringen, in der ihr es mit ihm zu tun bekommt. IMMER WACHSAM!«, polterte er und wieder zuckte die ganze Klasse zusammen.

»Nun… diese drei Flüche – Avada Kedavra, Imperius und Cruciatus – nennen wir die Unverzeihlichen Flüche. Wer auch nur einen von ihnen gegen einen Mitmenschen richtet, handelt sich einen lebenslangen Aufenthalt in Askaban ein. Dagegen steht ihr. Den Kampf gegen diese Flüche muß ich euch beibringen. Ihr müßt euch vorbereiten. Ihr müßt euch wappnen. Doch vor allem müßt ihr lernen, in eurer Wachsamkeit niemals nachzulassen. Holt eure Federn raus… und schreibt mit…«

Den Rest der Stunde verbrachten sie damit, sich zu jedem der Unverzeihlichen Flüche Notizen zu machen. Keiner sprach, bis es läutete – doch als Moody sie entlassen hatte und sie draußen vor dem Klassenzimmer standen, brach ein Schwall von Worten aus ihnen heraus. Die meisten redeten mit ängstlicher Stimme über die Flüche -»Hast du gesehen, wie sie gezuckt hat?«-»… und dann hat er sie getötet – einfach so!«

Sie sprachen über die Stunde, fand Harry, als ob sie eine atemberaubende Show gewesen wäre, doch er hatte sie nicht besonders unterhaltsam gefunden – und wie es schien, auch Hermine nicht.

»Beeilt euch«, sagte sie in angespanntem Ton zu Harry und Ron.

»Nicht schon wieder die blöde Bibliothek?«, sagte Ron.

»Nein«, sagte Hermine schroff und deutete in einen Seitengang.»Neville.«

Neville stand allein in der Mitte des Ganges und starrte auf die steinerne Wand gegenüber – mit denselben weit aufgerissenen, grauenerfüllten Augen wie vorhin, als Moody den Cruciatus-Fluch gezeigt hatte.

»Neville?«, sagte Hermine mit sanfter Stimme.

Neville wandte sich um.

»Oh, hallo«, sagte er mit ungewöhnlich hoher Stimme.»Interessante Stunde, nicht wahr? Bin gespannt, was es zu essen gibt, ich… ich verhungere gleich, du auch?«

»Neville, geht's dir gut?«, fragte Hermine.

»O ja, mir geht's blendend«, plapperte Neville immer noch mit unnatürlich hoher Stimme.»Sehr interessant, das Abendessen – der Unterricht, meine ich – was gibt's zu essen?«

Ron warf Harry einen verdutzten Blick zu.

»Neville… was -?«

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