Natürlich nicht. Stattdessen geht sie ins Wohnzimmer vor und bietet der Frau mit einer Handbewegung einen Platz auf dem Sofa an. Wozu haben Menschen eigentlich eine Nase im Gesicht? Die ist komplett überflüssig. Ich habe mir das schon öfter gedacht. Meistens stört es mich nicht – jeder hat eben seine Schwächen. Aber gerade im Moment regt es mich schon auf, dass Nina diesen stechend aggressiven Duft, der die Frau umweht, so gar nicht wahrnimmt.

Wer allerdings auch nichts wahrnimmt, ist Herr Beck. Der liegt nach wie vor auf dem Sofa. Ist anscheinend eingeschlafen. Himmel, bin ich hier denn der Einzige, der den Ernst der Lage erkannt hat? Nur zwei Türen weiter schläft Luisa friedlich in ihrem Bett. Was, wenn die Fremde, die behauptet, Sabine zu sein, unser Kind rauben will?

Nina setzt sich neben Herrn Beck, der tatsächlich angefangen hat zu schnarchen. Ich lege mich vor ihre Füße. Von hier aus habe ich die potentielle Angreiferin genau im Blick, sie hat sich nämlich in den Sessel gegenüber vom Sofa gesetzt.

»Womit kann ich Ihnen denn helfen?«, beginnt Nina das Gespräch betont freundlich.

»Sie haben keine eigenen Kinder, oder?«

Ha! Ich hab’s gewusst! Es geht um Luisa! Nina schaut schwer irritiert. Klar, die Frage nach eigenen Kindern würde auch die Dackelin krummnehmen. Klingt glatt so, als ob man ihr unterstellt, nicht für die Zucht geeignet zu sein.

»Äh, nein, noch nicht.«

»Dann können Sie auch nicht wissen, wie sich das anfühlt.«

»Was denn?«

»Wenn das eigene Kind zu einer fremden Frau zieht. Das kann sich niemand vorstellen, der es noch nicht erlebt hat.«

Nina legt den Kopf schief.

»Na ja, ich habe zwar keine Kinder, aber ich bin Psychologin, also da …«

»Ach? Ich dachte, Sie seien Geigenbauerin. Hat Marc jedenfalls behauptet.«

»Natürlich … äh … richtig. Ich meinte damit nur, dass ich auch mal ein paar Semester Psychologie studiert habe. Nach meiner Ausbildung, weil es mich so interessiert hat.«

Sabine zieht die Augenbrauen hoch, und Ninas Gesichtsfarbe wird deutlich dunkler. Lügen ist eben gar nicht so einfach. Als Hund sowieso nicht, aber auch als Mensch muss man so einiges beachten, damit man nicht auffliegt. Trotzdem machen sie es sehr oft. Also, ich meine: lügen. Der alte von Eschersbach wurde seinerzeit nicht müde, die Schlechtigkeit von lügenden Menschen hervorzuheben, und anfangs hat es mich auch schwer irritiert, wenn ich einen Menschen dabei erwischt habe. Aber mittlerweile bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass es ein wichtiger Bestandteil menschlicher Kommunikation ist und die meisten Menschen die ein oder andere Lüge in ihrem Alltag fest einkalkulieren. Mit einer kleinen Lüge hier und da schummeln sie sich so durch, es macht ihr Leben einfacher.

Ninas Lüge scheint mir aber ein ganz anderes Kaliber zu sein. Nicht die Sorte Ich war schon mit dem Hund draußen oder Natürlich habe ich beim Zahnarzt angerufen. Immerhin tut sie einfach so, als sei sie ein anderer Mensch. Ich frage mich nur, warum? Sie könnte doch auch einfach zugeben, der Babysitter zu sein, und dann wären wir vermutlich auch schnell diese unangenehme Frau los.

»Auf alle Fälle muss ich mit Marc sprechen, wie es nun weitergeht. Denn so geht es nicht weiter, das steht schon mal fest. Ich habe neulich versucht, mit ihm am Telefon darüber zu sprechen, aber da hat er mir einfach den Hörer aufgelegt. Hat er Ihnen das erzählt?«

Aha, das Telefonat im Park. Nun bin ich auf einmal doch ganz Ohr.

»Nein, das wusste ich nicht.«

»Das wundert mich nicht. Marc ist so ein konfliktscheuer Idiot. Deswegen bin ich jetzt nach Hamburg geflogen. Ich habe mir extra zwei Tage freigenommen.«

»Was ich nicht ganz verstehe – es war doch eigentlich auch Ihre Idee, dass Luisa zu uns zieht. Wo ist denn jetzt das Problem?«

Sabine schnappt hörbar nach Luft. »Wo das Problem ist? Es war eben nicht meine Idee, dass Luisa zu Ihnen zieht. Als ich das mit Marc besprochen habe, war er noch Single. Es war überhaupt keine Rede davon, dass er mit einer Frau zusammenziehen würde. Es gab Sie noch gar nicht.« Wütend funkelt sie Nina an, die verschränkt die Hände vor der Brust.

»Sie können Marc doch nicht verbieten, mit einer Frau zusammenzuziehen. Oder erwarten Sie, dass er im Zölibat lebt?«

Zöli-was?!

»Natürlich nicht. Ich erwarte nur, dass er mir erzählt, wenn so etwas Wichtiges in seinem Leben passiert. Vor allem, wenn es auch mein Kind betrifft.«

Nina lässt die Arme sinken.

»Hat er Ihnen das denn nicht erzählt?«

»Nein.«

»Oh.«

»Ja. Oh. Ich habe es erst von Luisa bei ihrem letzten Besuch erfahren.«

Nina schüttelt den Kopf. »Gut, Männer gehen einem Streit in der Tat gerne mal durch das klassische Aussitzen aus dem Weg. Aber in diesem Fall war das vielleicht nicht so geschickt.«

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