»Ich bin bei dir«, flüstere ich ihr zu, »nur Mut! Es dauert bestimmt nicht lang.« Ich habe zwar keine Ahnung, ob das tatsächlich stimmt, aber es kann bestimmt nicht schaden, ein wenig Zuversicht zu verbreiten.

»Danke, dass du da bist«, flüstert Cherie zurück, dann schließt sie die Augen.

»So, das hier sieht schon mal gut aus. Keine Einblutungen zu sehen. Jetzt gehe ich weiter Richtung Leber … Moment …«, Marc schaut sehr konzentriert auf den kleinen Fernseher, »sieht auch gut aus.«

Neugierig geworden, riskiere ich ebenfalls einen Blick Richtung Bildschirm. Wie mag Cherie wohl von innen aussehen? Zu meiner Enttäuschung kann man auf dem Fernseher eigentlich gar nichts erkennen. Wie kann sich Marc da so sicher sein, dass alles in Ordnung ist? Ich sehe nur helle und dunkle Flecken, die mal größer, mal kleiner werden.

»Dass du da überhaupt etwas erkennen kannst«, merkt nun auch Carolin an. Ihr scheint es genauso zu gehen wie mir. Marc lacht.

»Na, ein bisschen Übung braucht man schon. Im Prinzip ist es so: Blut und die meisten anderen Flüssigkeiten werfen den Schall nicht so stark zurück zum Schallkopf, deswegen erscheinen sie auf dem Bildschirm schwarz, Gewebe mit hoher Dichte, wie zum Beispiel Knochen, reflektieren dagegen ziemlich gut und tauchen deswegen auf dem Bild viel heller auf.«

Ich versteh kein Wort, und auch Carolin sieht so aus, als könne sie nicht ganz folgen.

»Okay, mal ein Beispiel: Hier siehst du Cheries Rippen.«

»Stimmt, das kann ich erkennen.«

»Die kann ich jetzt zählen und auch nachschauen, ob sie von der Struktur her in Ordnung sind. Sind sie übrigens. Hier weiter unten sehen wir die Leber. Wenn sich jetzt irgendwo Blut angesammelt hätte, wo es nicht hingehört, würde ich das als schwarze Fläche sehen. Aber es ist alles so, wie es sein soll. Bittest du kurz Frau Serwe herein?«

»Klar, mache ich.«

Kurz darauf steht auch Claudia Serwe im Untersuchungsraum. Ängstlich schaut sie Marc an.

»Wird Cherie wieder ganz gesund?«

»Ich denke schon. Innere Verletzungen hat sie jedenfalls nicht. Ich würde jetzt gerne eine Röntgenaufnahme vom Kopf machen, um einen Schädelbruch auszuschließen, und dann muss ich noch ihre Platzwunde versorgen. Dafür bekommt Cherie eine Narkose, damit sie keine Schmerzen hat.«

»Das klingt ja nach einer richtigen Operation!«

»Nein, es ist nur ein kleiner Eingriff. Allerdings braucht sie danach eine Infusion, damit sie das Narkosemittel schneller wieder loswird. Außerdem hat sie dann schon einige Zeit nichts gefressen und getrunken. Wir müssen sie also ein bisschen stärken. Und dann sollte sie über Nacht hierbleiben, nur zur Vorsicht, falls es ihr schlechter gehen sollte.«

»Natürlich, das ist bestimmt besser so. Aber sagen Sie, Herr Doktor, Cherie wirkt noch sehr schwach. Ist das normal? «

»Mit der Infusion wird sie schnell wieder zu Kräften kommen, keine Sorge. Außerdem hat sie wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung. War sie nach dem Unfall bewusstlos?«

»Ja, aber nicht lange – vielleicht ein oder zwei Minuten. Danach war sie noch sehr benommen, aber bei Bewusstsein.«

»Wie ich schon sagte – das deutet auf eine Gehirnerschütterung hin.«

»Sagen Sie, Herr Dr. Wagner, können Sie schon sagen, wie teuer die gesamte Behandlung wird?«

»Nicht auf den Cent genau, aber ich schätze, es wird so an die 400 Euro kosten.«

Claudia Serwe seufzt.

»Kann ich das vielleicht im nächsten Monat bezahlen? Ich bin momentan ein bisschen knapp bei Kasse.«

Marc lächelt.

»Wissen Sie was – Cherie ist ja immerhin die Lebensretterin von unserem Herkules. Zahlen Sie einfach, was Sie können, das ist dann schon in Ordnung.«

»Danke, das ist nett. Aber es ist mir sehr unangenehm, dass ich Sie momentan nicht so bezahlen kann, wie es Ihnen eigentlich zusteht.«

»Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Wie gesagt – es ist völlig in Ordnung.«

»Trotzdem! Ich wünschte, ich könnte diesen Kurierfahrer drankriegen, der hat den ganzen Unfall ja überhaupt verursacht. Aber der ist natürlich sofort abgehauen.«

»Vielleicht hat er gar nichts davon mitbekommen?«

»Nein, das kann nicht sein. Ich bin noch hinter ihm hergelaufen und habe gerufen. Der hat uns immerhin fast überfahren – und das auf dem Bürgersteig! Er hat einmal kurz über seine Schulter geschaut und dann ordentlich in die Pedale getreten.«

»Das ist natürlich eine echte Schweinerei. Arme Cherie! Aber sie wird bestimmt wieder ganz die Alte.«

Als Cherie wieder aus der Narkose aufwacht, sitze ich neben ihr in der Pflegebox. Sie guckt mich aus matten Augen ängstlich an.

»Wo sind wir?«

»Du bist immer noch in Marcs Praxis. Aber es ist alles gut gelaufen. Bald springst du wieder fröhlich herum.«

»Ich bin so müde und schlapp. Momentan möchte ich eigentlich nur schlafen.«

»Dann lasse ich dich jetzt besser mal in Ruhe. Soll ich später nochmal wiederkommen?«

»Gerne.«

Ich wende mich zum Gehen, Marc hat extra die Zwingertür offen gelassen.

»Herkules?«

»Ja?«

»Vielen Dank! Du hast mir sehr geholfen.«

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