Dazu kann ich wenig sagen. Also, sagen kann ich natürlich sowieso nichts. Aber selbst wenn ich könnte – ich finde es schön, dass Frau Wagner nun da ist. Auch wenn ich ein klitzekleines bisschen zugenommen haben sollte. Und Luisa ist glücklich, ihre Oma so oft zu sehen. Denn die kümmert sich nicht nur um die Praxis, sondern auch um Luisas Hausaufgaben. Vor dem Abendessen zeigt Luisa ihr jetzt immer ihre Schulhefte, und Oma Wagner sagt ihr, ob sie das richtig oder falsch gemacht hat. So lernen Menschenkinder lesen und schreiben. Ob ich das auch könnte? Wäre bestimmt spannend. Ich würde mir ein Buch schnappen und diese Zeichen anstarren, und dann würden auch in meinem Kopf Bilder entstehen. Bei einem Buch über die Jagd bestimmt welche von Füchsen und Kaninchen.
Das Auto wird langsamer, ich schaue aus dem Fenster. Wir haben die Stadt verlassen und fahren an einem Wäldchen vorbei. Marc biegt von der großen Straße ab, jetzt geht es direkt durch den Wald. Von hier oben aus dem Auto heraus ist es sehr schwer zu erkennen – aber ich glaube, dies ist bereits die Auffahrt zum Schloss! Aufgeregt hüpfe ich auf dem Sitz auf und ab.
»Da freust du dich, nicht? Aber bleib noch sitzen, wir halten ja gleich an.«
In diesem Moment taucht auch schon das Schloss auf. Es ist im Wesentlichen ein riesiges weißes Haus mit einem großen Portal in der Mitte und zwei hohen Türmen an der Stirnseite. Davor ein Schlossplatz mit einem Springbrunnen und dahinter ein riesiger Park. Marc parkt sein Auto auf dem Schlossplatz und lässt mich heraus. Ich atme tief ein und genieße den Geruch, der immer noch so viel von Heimat für mich hat. Klar, ich wohne jetzt schon mehr als mein halbes Leben bei Carolin, aber den Ort, an dem man seine Kindheit verbracht hat, vergisst man wohl nie.
Und er vergisst einen auch nicht: In diesem Moment kommt meine Schwester Charlotte auf mich zugeschossen. Sie wedelt wie wild mit dem Schwanz und kann nur mühsam vor meinen Pfoten bremsen.
»Carl-Leopold! Das ist ja toll! Du bist es wirklich!« Sie schlabbert mir über die Schnauze, dann setzt sie sich. »Immer, wenn der Tierarzt kommt, renne ich sofort zu seinem Auto in der Hoffnung, dich mal wiederzusehen. Schade, dass du so selten mitkommst.«
»Tja, ich bin ja meistens bei meinem Frauchen in der Werkstatt. Aber heute hat Marc selbst daran gedacht, dass er mich mitnehmen könnte. Er will irgendetwas über eure Pferde und Ponys wissen.«
Charlotte schaut erstaunt. »Nanu? Ich glaube, die sind alle gesund. Ansonsten sind die ja sooo langweilig. Furchtbar dumme Tiere. Gänzlich uninteressant. Was will er denn mit denen?«
»Ich habe es auch nicht ganz verstanden. Aber Marc hat eine Tochter, Luisa, und die mag Ponys. Damit hat es irgendwas zu tun. Und mit ihren Freundinnen.«
»Aha. Menschenkinder und Ponys. Der Alte wird begeistert sein. Ich glaube, wenn es nach ihm ginge, wären die Gäule schon längst abgeschafft. Aber die junge Gräfin ist auch so ein Pferdenarr – und deswegen bleiben die Viecher. Sag mal, was ganz anderes«, Charlotte mustert mich, »hast du irgendwie zugenommen? Du siehst so … so … kräftig aus.«
Jetzt fängt die auch noch damit an!
»Vielleicht ein ganz kleines bisschen. Aber ich glaube eher nicht.« Ich
»Du hast nicht zugenommen? Okay, dann bilde ich es mir wohl ein. Ist ja auch kein Wunder – der Alte drillt hier alle Hunde auf schlanke Linie, ein Stück Herz zu viel, und es gibt Ärger. Selbst hinter mir ist er her, obwohl ich doch Emilia gehöre und sowieso nicht zur Zucht tauge.«
Emilia ist die Köchin auf Schloss Eschersbach. Als der alte Schlossherr auf die glorreiche Idee verfiel, uns beide Mischlingskinder ins nächste Tierheim zu verfrachten, beschloss Emilia, wenigstens eines von uns aufzunehmen. Warum ihre Wahl gerade auf Charlotte fiel, weiß ich nicht. Vielleicht Solidarität unter Frauen?
Mittlerweile steht auch der alte von Eschersbach neben uns und unterhält sich mit Marc. Ich kann mir nicht helfen, und auch, wenn ich längst ein erwachsener Dackel bin: Vor dem Alten habe ich immer noch Angst. Neben Marc sieht er nicht einmal besonders imposant aus, für einen Menschen eher schmal und gebrechlich, aber sobald ich seine schnarrende Stimme höre, werde ich ganz unruhig. Brrr, besser ich stromere ein wenig mit Charlotte herum.
»Weißt du«, schlage ich ihr deshalb vor, »ich würde furchtbar gerne Mama und Opili begrüßen.«
»Tja, Opili, äh – das weißt du ja noch gar nicht, aber …«
»Mama ist auch erst mal wichtiger!«, unterbreche ich sie.
»Klar, kein Problem. Komm mit. Mama dürfte momentan zwar nicht die beste Laune haben, aber vielleicht heiterst du sie ja auf.« Charlotte trabt los, ich hinterher.
»Wieso ist Mama schlecht gelaunt? Was ist denn los?«