»Sie wird gerade getrimmt. Soll bestimmt wieder auf irgendeine Hundeschau. Sie hasst es, aber der Alte kann es einfach nicht lassen.«
»Hm.« Stimmt. Meine Mutter ist ein gefeierter Dackelchampion. Sie war sogar schon Bundessiegerin, ein riesiger Pokal in der Glasvitrine im Salon zeugt von diesem Triumph. Für von Eschersbach ist dies neben dem Jagen sein liebstes Hobby. Macht auch Sinn, denn schließlich züchtet er Dackel, und da kommt ihm jeder Titel recht – Prämiumnachwuchs ist teuer. Umso entsetzter muss er gewesen sein, als er feststellte, dass Mama ihr Herz ein einziges Mal nicht an einen Herrn mit den besten Dackelpapieren, sondern an den Terrier des benachbarten Jagdpächters verschenkt hatte.
Wo die Liebe eben hinfällt. Aber so ist Mama: eine Frau mit eigenem Kopf. Und sosehr sie es hasst, selbst für eine Hundeschau zurechtgemacht zu werden, so egal werden ihr auch die züchterischen Ambitionen von von Eschersbach gewesen sein. Jedenfalls im Fall unseres Vaters. Sie hat es mir nie erzählt, aber ich glaube, der Terrier war ihre große Liebe. Wann immer sein Name fiel – und der fiel oft, wenn von Eschersbach wieder einmal dazu ansetzte, über die Schlechtigkeit der Welt im Allgemeinen und die Ungezogenheit von Dackeln im Besonderen zu wettern –, lag in ihren Augen etwas Sanftes.
Liebe – wie die sich wohl anfühlt? Ist es dieses Herzrasen, das ich spüre, wenn ich an Cherie denke? Das Ohrensausen, das ich bekomme, wenn ich sie rieche? Ist das Liebe? Das Gefühl, dass ich am liebsten jeden Tag mit ihr verbringen würde? Ich kann es gar nicht genauer beschreiben, aber es steckt wirklich tief in mir, macht mich ganz fahrig – aber erfüllt mich gleichzeitig mit so viel Glück und Energie, dass ich mich nie, nie wieder anders fühlen möchte.
»Hey, schläfst du?« Charlotte ist stehen geblieben und knufft mich unsanft in die Seite.
»Äh, nein, warum?«
»Na, ich habe dich nun schon zweimal nach deiner neuen Familie gefragt, aber du antwortest nicht.«
»Entschuldige, ich war in Gedanken. Was wolltest du wissen?«
»Wie isses denn jetzt so mit dem Tierarzt? Als du das letzte Mal da warst, kannte dein Frauchen ihn ja noch nicht so lange.«
»Oh, es ist schön. Wir sind jetzt eine richtige Familie. Vater, Mutter, Kind, Hund.«
»Kind? Wo kommt das denn so schnell her? Die Frau des jungen Stallmeisters hat vor einiger Zeit ein Baby bekommen, das hat aber ganz schön lange gedauert, bis es fertig war. Also, bestimmt den ganzen Winter lang und das Frühjahr noch dazu.«
»Das Tierarzt-Kind war schon fertig, bevor Marc mein Frauchen Carolin kennengelernt hat.«
»Ach?« Charlotte bleibt schon wieder stehen und mustert mich.
»Ja. Marc ist nämlich ein gebrauchter Mann«, füge ich mit wichtiger Miene hinzu. »Das heißt, er hatte schon mal eine Frau, und von der stammt das Kind. Luisa, sehr nett.«
»Und was ist jetzt mit der alten Frau? Wohnt die auch bei euch, oder was habt ihr mit der gemacht?«
»Nein, die wohnt natürlich nicht bei uns. Menschenpaare bestehen doch immer nur aus zwei Leuten. Glaube ich jedenfalls. Dass ein Mann mit zwei Frauen zusammenlebt oder eine Frau mit zwei Männern, habe ich noch nicht gehört. Die alte Frau wohnt irgendwo anders. Aber neulich war sie da und hat ganz schön Ärger gemacht. Ich dachte schon, sie will Luisa klauen. Wollte sie dann aber doch nicht.«
»Vielleicht will sie eher den Tierarzt klauen?« Charlotte stellt da eine interessante neue Theorie auf. »Wenn er ihr mal gehört hat, will sie ihn doch womöglich zurückhaben.«
Könnte das sein? Es würde zumindest erklären, warum Carolin so sauer über den ganzen Vorfall war. Aber wie klaut man einen Mann? Marc ist mindestens einen Kopf größer als diese Sabine – ich glaube nicht, dass sie kräftig genug wäre, Marc aus unserer Wohnung zu schleifen. Luisa hätte sie raustragen können, aber Marc? Keine Chance.
Wir kommen am Schlossportal an, und Charlotte hüpft sehr beschwingt die Stufen zum Eingang hinauf. Die schweren Türen zum Innenhof stehen auf, was tagsüber immer so ist. Ich merke, dass sich in meiner Nase ein leichtes Kribbeln ausbreitet, denn mit dem Geruch kommt auch die Erinnerung: an eine unbeschwerte Kindheit voller Abenteuerlust, an Abende, die Opili mit Geschichten über Kaninchen und Wildschweine füllte – und an meine Mutter. So schnell ich kann, laufe ich hinter Charlotte her, quer über den Innenhof, durch die nächste Tür, Stufen hinauf und hinunter.