Schweigend trotten wir nebeneinander die Stufen zu Ninas Wohnung wieder hinunter. Sie hat die Tür einen Spalt offen stehen lassen, also können wir problemlos hineinhuschen. Immer noch schweigend legen wir uns wieder unter den Wohnzimmertisch. Hoffentlich kommt Carolin bald wieder, hier drinnen ist die schlechte Stimmung gerade mit Pfoten zu greifen. Immerhin ist es nun ruhiger, vielleicht hat sich der neue Nachbar Ninas Worte doch zu Herzen genommen, auch wenn er unverschämterweise ihr Kleid schön fand.

Kurze Zeit später klingelt es an Ninas Wohnungstür. Endlich, mein Flehen wurde erhört! Das ist bestimmt Carolin, die von ihrem Treffen kommt und mich abholt. Ich sause schnell zur Tür, nichts wie raus hier.

Aber als Nina, die hinter mir hergekommen ist, die Tür öffnet, steht dort: niemand. Stattdessen liegt ein kleines Päckchen mit einem gelben Zettel darauf auf der Fußmatte. Nina bückt sich und hebt es hoch. Sie liest den Zettel, reißt dann das Päckchen auf, um nachzuschauen, was es enthält. Ich bin natürlich auch neugierig, was ihr da wohl vor die Tür gelegt worden ist, kann es aber von hier unten nicht genau erkennen. Es scheinen kleine Kügelchen in einer durchsichtigen Box zu sein. Seltsam, so etwas habe ich noch nie gesehen. Nina dreht die Box hin und her, murmelt eine Unverschämtheit und schließt die Tür wieder.

Ich trabe zurück zu Beck, der immer noch unter dem Wohnzimmertisch liegt.

»Was war denn los?«, erkundigt er sich.

»Irgendjemand hat etwas auf Ninas Fußmatte gelegt. Aber falls es ein Geschenk sein sollte, hat es ihr nicht gefallen.«

Es klingelt nochmal an der Tür, und ich sause zurück in den Flur.

»Also jetzt habe ich die Schnauze aber wirklich voll! Was fällt dem Typen eigentlich ein?« Nina stürzt aus ihrem Büro in Richtung Tür und reißt sie auf. »Sie können sich Ihre Ohrstöpsel gleich sonst wohin … oh, hallo, Carolin! Komm doch rein.«

Tatsächlich. Vor der Tür steht endlich Carolin und schaut sehr erstaunt.

»Grüß dich, Nina. Ist alles in Ordnung bei dir? Ich wollte nur Herkules abholen.«

»Klar, natürlich. Ich dachte nur, du seist mein neuer Obermieter. «

»Und den begrüßt du derart herzlich? Die Geschichte musst du mir mal genauer erzählen.«

»Sehr gerne. Und noch lieber bei einem Kaffee. Ich kann mich heute sowieso nicht mehr konzentrieren und muss mal raus. Also – wenn du nichts dagegen hast, würde ich mit dir mal eben das nächste Café ansteuern.«

»Ja, warum nicht? Lass uns doch ins Violetta gehen, dann kann sich Herkules auf dem Hinweg im Park noch ein bisschen seine krummen Beinchen vertreten.«

Krumme Beinchen? Da frage ich mich: Wenn Komplimente im Subtext manchmal böse gemeint sind, sind Boshaftigkeiten dann in Wirklichkeit ein Liebesbeweis?

Das Herumsitzen im Café gehört eindeutig zur Lieblingsbeschäftigung von Frauen. Jedenfalls von den beiden Frauen, die ich kenne: Carolin und Nina. Interessanterweise bestellen sie sich aber meist nicht das gleichnamige Getränk. Sondern meist viel lieber einen sogenannten Prosecco. Der kommt zwar in einem etwas anderen Glas daher als der Rotwein, den Marc so gerne mit Carolin trinkt, aber er riecht ähnlich und hat auch eine ähnliche Wirkung auf Menschen. Erst reden sie ein bisschen schneller als sonst und lachen häufiger, dann reden sie viel langsamer und dafür lauter. Offenbar schlagen diese beiden Getränke auf die Ohren. Leider nicht auf meine, die sind ganz ausgezeichnet, und für meinen Geschmack wäre es sowieso schön, wenn Menschen insgesamt ein bisschen leiser veranlagt wären.

Lautstärke ist auch das Thema, das Nina nun gerade mit Carolin vertieft. Natürlich bei einem Glas Prosecco. Den brauche sie jetzt für ihre Nerven, hat Nina angemerkt und gleich mal zwei davon bei der Bedienung geordert. War also wieder nichts mit dem Kaffee. Ich habe es mir vor Carolins Füßen bequem gemacht und höre zu, wie Nina von der unerfreulichen Begegnung mit dem neuen Nachbarn berichtet.

»Ich meine – den ganzen Tag hämmert der da in der Bude rum. Das ist doch nicht normal! Ich hatte heute Vormittag zwei Patienten, die hätte ich fast wieder nach Hause geschickt, weil es wirklich ein ohrenbetäubender Lärm war. Gestern auch schon! Und das ohne jede Vorankündigung durch die Hausverwaltung, so dass ich mich hätte darauf einstellen können. Nichts von alledem. Eine Frechheit! Als es dann heute Nachmittag wieder losging, bin ich hoch und habe mal zart nachgefragt, wie lange das denn noch so gehen soll.«

Unter zart nachgefragt stelle ich mir aber etwas anderes vor. Nach meinem Eindruck war Nina schon ganz schön auf Zinne. Vielleicht wäre das Gespräch auch insgesamt besser verlaufen, wenn Nina den Mann nicht gleich so angefahren hätte. Oder ist der Subtext – was für ein tolles neues Wort! – von Anschreien he, ich finde dich nett?

»Und was hat er dazu gesagt?«

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