»Na, vielleicht braucht Nina Hilfe? Wenn du Recht hast und die Menschen über euch wirklich keinen Stein auf dem anderen lassen, dann sind sie möglicherweise gewaltbereit. Da ist es immer gut, einen Jagdhund an seiner Seite zu haben. Mit schlappen Katern ist das allerdings so eine Sache. Du bleibst mal besser unter dem Tisch liegen, um dich kann ich mich in so einer Krisensituation nicht auch noch kümmern.«

Herr Beck macht ein Geräusch, das wie PPFFF klingt, und taucht kurz darauf neben mir auf. Gemeinsam laufen wir in den Hausflur. Nina steht schon oben vor der Tür und klingelt Sturm. Als wir nach den letzten Treppenstufen um die Ecke biegen, kommen wir gerade im richtigen Moment: Die Türe öffnet sich, dahinter steht ein junger Mann mit wild in alle Richtungen abstehenden hellen Haaren. Ehe er es sich noch versieht, schreit ihn Nina auch schon an.

»Was fällt Ihnen eigentlich ein, hier stundenlang das ganze Haus zu tyrannisieren? Ich habe Patienten – soll ich jetzt meine Praxis wegen Ihnen dichtmachen?«

Der junge Mann tritt einen Schritt zurück und mustert Nina interessiert von oben bis unten. Dann lächelt er. »Nun mal halblang, Frau Nachbarin. Wir haben kurz nach 15 Uhr. Wenn ich die Hausordnung richtig interpretiere, ist das eine ausgezeichnete Zeit für Renovierungsarbeiten. Und die sind in der Wohnung leider dringend nötig. Also – wenn nicht jetzt, wann dann?«

»Von mir aus gar nicht! Wieso können Sie nicht still und leise die Wände streichen, so wie alle anderen Menschen auch? Warum haben Sie die Wohnung überhaupt angemietet, wenn Sie nun anscheinend jede einzelne Wand rausreißen oder versetzen?«

Nina funkelt den Mann böse an, der grinst ziemlich breit.

»Wissen Sie, ich bin Ästhet. Da kann ich mich mit simplem Wändestreichen leider nicht zufriedengeben. Das werden Sie sicher verstehen – Sie scheinen doch auch Wert auf Äußeres zu legen. Hübsches Kleid übrigens.«

Der Typ grinst – sofern das überhaupt möglich ist – noch breiter, Nina schnaubt förmlich.

»Sie … Sie … unverschämter Kerl! Ich werde mich bei der Hausverwaltung über Sie beschweren! Sie hören noch von mir!« Dann macht Nina auf dem Absatz kehrt und stürmt nach unten. Beck und ich bleiben verdutzt sitzen. Der Mann schaut uns an.

»Oh, seid ihr Teil der Abordnung? Eins muss man ihr lassen, euer Frauchen hat Temperament.« Er nickt. Etwa anerkennend? Dann schließt er die Tür. Beck und ich schauen uns einigermaßen ratlos an.

»Also, mein Lieber – wo war denn jetzt dein Einsatz als schützender Jagdhund? Davon habe ich nicht viel gesehen.«

»Dafür ging das alles viel zu schnell. Wenn er sie angefasst hätte, dann hätte ich natürlich eingegriffen. Aber stattdessen hat er ihr doch ein nettes Kompliment gemacht. Ich verstehe gar nicht, warum Nina sich so darüber aufgeregt hat.«

»Welches nette Kompliment? Habe ich da etwas verpasst? Bin ich nicht nur alt, sondern auch taub?« Herr Beck legt den Kopf schief.

»Na, das mit dem Kleid. Er sagte doch, dass Ninas Kleid hübsch sei.«

»Mann, Herkules – das war doch kein Kompliment! Damit wollte er sie ärgern! Und das hat ja auch einwandfrei funktioniert.«

»Bitte? Wie kann ein Mann denn eine Frau damit ärgern, dass er ihr sagt, dass ihr Kleid hübsch ist? Darüber freuen sich Frauen doch. Das macht gar keinen Sinn.«

»Macht es doch. Denn damit sagt er ihr, dass er sie nicht ernst nimmt.«

»Quatsch. Damit sagt er ihr, dass sie ein hübsches Kleid trägt.« Ob Herr Beck Recht hat mit dem Älterwerden? Er ist ganz offensichtlich schon völlig verwirrt. Tüdelig, wie der alte von Eschersbach sagen würde.

»Hach, Herkules, du bist echt kein Frauenkenner. Hoffentlich gehst du bei deiner Cherie etwas geschickter vor, sonst wird das nie was. Also: Normalerweise ist das mit dem Kleid ein Kompliment. Da hast du schon Recht. Aber in diesem Fall war die Lage eine andere: Sie hat sich über ihn geärgert und ihn scharf kritisiert. Das hast du noch mitbekommen, oder?«

Ich nicke. Es war schließlich nicht zu überhören.

»So. Jetzt lenkt er nicht etwa ein, sondern sagt ihr, dass sie Unsinn redet. Und das ihr Kleid hübsch ist.«

»Hä?«

»Na, das bedeutet, dass er sie nicht ernst nimmt. Er sagt damit eigentlich: Du hast keine Ahnung, Schnecke, beschränk dich mal aufs Hübschsein. Für eine schlaue Frau wie Nina eine tödliche Beleidigung.«

Mir schwirren die Dackelohren. »Das sagt er ihr damit?«

»Jepp. Das ist der sogenannte Subtext.«

»Aha.« Ich hoffe ganz stark, dass es so etwas wie Subtext in der Kommunikation zwischen Hündin und Rüde nicht gibt. Sonst bin ich geliefert. Aber so was von.

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