Der Schrank ist
»Caro, ich habe eigentlich keine Lust, mich jeden Tag mit dir über meine Mutter zu streiten.«
»Ja, glaubst du etwa, ich?«
»Nein, natürlich nicht. Aber ohne Sprechstundenhilfe kann ich nun mal nicht arbeiten. Frau Warnke ist von einem auf den anderen Tag ausgefallen, und die Lösung mit meiner Mutter war die einfachste.«
»Genau. Für dich. Für mich ist es mittlerweile eine ätzende Situation. Sie mischt sich überall ein, sie kritisiert mich, wo sie nur kann – und nun macht sie auch noch unsere Wäsche. Nee, wirklich, Marc, so habe ich mir das Zusammenleben mit dir nicht vorgestellt. Und wenn du das nicht kapierst, dann tut’s mir leid.«
»Aber, Caro, lass uns doch bitte in Ruhe darüber reden! Ich bin auch nicht glücklich mit der Situation.«
»Nix
Wir landen – mal wieder – im Violetta. Offenbar kann man hier nicht nur ganz hervorragend Kaffee und Prosecco trinken, sondern auch Bier. Jedenfalls bestellt sich Caro gleich eins, kaum dass wir angekommen sind und ohne auf Daniel zu warten. Mit finsterer Miene trinkt sie es ziemlich schnell aus und bestellt sich sofort noch ein zweites. Als die Kellnerin es bringt, ist Caros Laune schon auf wundersame Weise besser geworden. Ob Bier gut fürs Gemüt ist? Ich hoffe es sehr – nicht, dass sich Caro gleich auch noch mit Daniel streitet.
Der kommt jetzt geradewegs auf unseren Tisch zu und strahlt Carolin an.
»Hallo, Caro!« Dann guckt er nach unten. »Und hallo, Herkules, mein Freund.« Ich wedele mit dem Schwanz. »Was für ein netter Empfang, vielen Dank!« Er wendet sich wieder an Carolin. »Gut schaust du aus, hast du dich extra für mich noch umgezogen?«
Um Caros Mundwinkel zuckt es, aber sie sagt nichts weiter dazu. Offenbar will sie nicht von dem Streit mit Marc erzählen.
»Willst du auch ein Bier? Ich habe mir eben schon eins bestellt, ich hatte so Durst.«
»Ja, klar. Für mich auch eins.« Sie winken der Kellnerin zu, und Daniel hält Caros Glas in die Höhe. Die Kellnerin nickt und verschwindet.
»Bist du mit dem zweiten Cello fertig geworden?«, will Caro von Daniel wissen.
»Ja. Jedenfalls fast. Die Grundierung habe ich schon, es fehlt nur noch der Lack. Ein wunderschönes Instrument. Überhaupt ist die ganze Sammlung toll. Ich bin echt froh, dass du mich gefragt hast.«
Caro lächelt ihn an. »Ich hoffe doch, du bist nicht nur wegen der Sammlung froh.«
»Nein. Natürlich nicht. Das Schönste ist, wieder mit dir zusammenzuarbeiten. Auch wenn es nur für einen begrenzten Zeitraum ist.«
Eine Weile schweigen beide. Die Kellnerin bringt Daniels Bier und stellt es vor ihn auf den Tisch.
»Prost! Auf unsere gemeinsame Zeit!«
»Ja, Prost! Und nochmal herzlich Willkommen in Hamburg. «
Sie trinken ein paar Schlucke und stellen die Gläser wieder ab.
»Wie läuft es eigentlich so in München?«, erkundigt sich Carolin.
»Och, ganz gut. Meine Werkstatt da ist natürlich viel kleiner als deine hier. Aber weil ich Aurora auf fast jeder Konzertreise begleite, bin ich auch viel zu selten da, um mehr zu machen. Na ja, ich bin jetzt quasi Teilzeit-Handwerker.« Er lacht, aber es klingt nicht fröhlich.
»Und du bekommst viel zu sehen von der Welt.«
»Ja. Flughäfen, Hotels und Konzerthallen.« Jetzt lacht Daniel nicht einmal mehr unfröhlich. Caro schaut ihn erstaunt an.
»Aber – mit dir und Aurora ist noch alles in Ordnung, oder?«
»Ja, ja«, beeilt Daniel sich zu sagen, »alles in Ordnung. Aber es ist eben auch ein anstrengender Lebensstil, und Aurora ist keine einfache Frau. Du kennst sie ja.«
»Hm, ich glaube, ich weiß was du meinst. Trotzdem – irgendwie passt ihr gut zusammen.«
Daniel schaut Caro nachdenklich an, sagt aber erst einmal nichts, sondern nippt an seinem Bier.
»Und bei dir und dem Tierarzt«, will er dann doch wissen, »alles gut?«
»Ja. Alles gut. Oder: fast alles.«
»Fast alles? Ich dachte, ihr seid Mr und Mrs Happy.«
»Waren wir auch. Aber seit ein paar Wochen arbeitet seine Mutter als Krankheitsvertretung für die Sprechstundenhilfe in seiner Praxis – und die macht mich echt wahnsinnig.«
»Echt? Aber du bist doch während der Sprechzeiten gar nicht da.«