Die deutsche Celan-Forscherin Marlies Janz betrachtet die Konzeption der Niemandsrose als eine Art «Anti-Bibel», als «Revision der Heilsgeschichte»[114]. Vor allem wird hier auf das erste Buch Mose («Genesis») angespielt, in dem von der Erschaffung des Menschen die Rede ist. «Und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß, und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele» (Genesis, 2, 7). Celan geht von dieser alttestamentarischen Vorstellung aus, doch wandelt in seinem «Psalm» das Bild der Menschenschöpfung radikal um, indem er es in eine von der furchtbaren Erfahrung der Katastrophe bestimmte existentiell pessimistische Perspektive überführt, denn bei ihm heißt es: «Niemand knetet uns wieder aus Erde und Lehm, / niemand bespricht unseren Staub. / Niemand.» Das ist jedoch kein platter Atheismus im herkömmlichen Sinne des Begriffs, — der Dichter knüpft hier an die kabbalistische Tradition an und interpretiert Gott als Schöpfer, der sich von seiner Schöpfung entfernt und in seine eigene Substanz zurückkehrt (Zimzum), so dass seine Abwesenheit zum höchsten Modus seiner Präsenz wird. Als «Niemand» existiert er auch weiter, doch er bestimmt das Schicksal der Welt nicht mehr, obwohl die Menschen ihn auch weiter preisen und loben. Dieser paradoxe Zustand bildet den Hintergrund nicht nur des Celanschen Gedichts «Psalm», sondern auch den ganzen Bandes Die Niemandsrose. Bereits einleitende Verse «Es war Erde in ihnen» transformieren das Thema der Genesis bis zur Unkenntlichkeit, und das abschließende Gedicht «In der Luft» verbindet dann das Irdische mit dem Ätherischen («Atem-und-Lehm»). Der Mensch, der aus «Erde und Lehm» nach Gottes Ebenbild geschaffen wurde, gehört nicht mehr als Glückswesen zum irdischen Paradies, sondern steigt als Rauch in die Luft oder düngt mit Millionen seiner Leichen die Erde, «schwer / in den Untiefen lagernd, die Leiber / zu Schwellen getürmt, zu Dämmen», über die dann «der Klumpfuß der Götter herüber- / gestolpert kommt».
Der Band — schreibt dazu Marlies Janz — beginnt mit einem Gedicht, das […] von der Erschaffung des Menschen aus einem Erdkloß handelt, und er endet mit der Feststellung, dass nach Auschwitz Erlösung zu spät komme, ja in ihr Gegenteil sich verkehre; dass die Götter über den Leichenbergen der Vernichtungslager klumpfüßig wie Satan oder Goebbels erscheinen.»[115]
Die Niemandsrose ist somit, vielmehr als die vorigen Gedichtbände Celans, durch das Thema Shoah durchgehend geprägt, es gibt hier kaum ein einziges Gedicht, das damit — direkt oder indirekt — nicht zu tun hätte. Das geschieht im Zuge des um diese Zeit erwachten Interesses des Dichters für das Judentum, das vor dem Hintergrund der historischen Amnesie und der Wiederbelebung der antisemitischen Stimmungen im Adenauer-Deutschland zum Ausdruck kommt, die Celan höchst betrüben. Um diesen negativen Tendenzen gegenüberzustehen, entdeckt der Dichter für sich seit Mitte der fünfziger Jahre jüdische Theologie und Philosophie, erschließt jüdische Mystik, vor allem den Chassidismus und die Grundlagen der Kabbala. Er wendet sich den Schriften Martin Bubers und Gershom Scholems, den Werken Oskar Goldbergs «Die Wirklichkeit der Hebräer» und Margarete Susmans «Das Buch Hiobs und das Schicksal des jüdischen Volkes», Rudolf Ottos «Das Heilige» und Franz Rosenzweigs «Der Stern der Erlösung» zu. In den Gedichten der Niemandsrose treffen wir dann auf Bezeichnungen spezifisch jüdischer Geschichts- und Religionsbegriffe — Hawdalah, Tekiah, Kaddisch, Jiskor, Aleph, Beth, Jud (Jod). «In keinem Gedichtband Celans sind jüdische Namen und Begriffejüdische Mythologie, Mystik und Religion so präsent wie in der Niemandsrose»[116] — meint Jürgen Lehmann. Diese höchst intensive und kritische Auseinandersetzung mit dem Judentum gestaltet sich vor allem als Dialog mit zwei dichterischen Persönlichkeiten, die die Traditionen des Ostjudentums und des Westjudentums vertreten — mit Ossip Mandelstam und Nelly Sachs.