Dies alles belegt, dass sich Puschkin bis an das tragische Ende seines Lebens dem Eindruck seiner kaukasischen Erlebnisse nicht entziehen konnte. In seiner letzten Petersburger Wohnung an der Mojka nahmen zwei Kaukasus-Memorabilia, ein S"abel, Geschenk des russischen Kaukasus-Feldherrn General Paskevitsch, und ein "Ol-Gem"alde der Daijala-Schlucht, Ehrenpl"atze ein. Das kaukasische Thema war auch in seiner Redaktionsarbeit f"ur den «Sovremennik» mehrfach pr"asent.

Bereits wiederholt sind Aspekte von Puschkins Kaukasus-Bild Gegenstand der Forschung gewesen; manches bleibt m"oglicherweise noch nachzutragen[115]. Welche nun sind die Komponenten dieses Bildes? Es ist vielschichtig, mit manchen Brechungen und Widerspr"uchen. Sicherlich haben darin grandiose Naturschilderungen auch ihren Platz. Dieses Motiv war in die russische Literatur erstmals durch Dichtungen Derzhavins und Zhukovskijs eingef"uhrt worden. Beide Autoren hatten jedoch den Kaukasus mit eigenen Augen nie gesehen und erschufen sich ihre Kaukasus-Welt im Stile einer durch Nikolaj Karamsin Ende des 18. Jahrhunderts begr"undeten Alpen-Romantik.

Mit Puschkin setzt die autobiographische Linie der russischen Kaukasus-Literatur ein. Seine ersten Verse auf die «stolzen Gipfel des Kaukasus» dichtete er Ende Juni 1820 f"ur den Epilog seines Poems «Ruslan und Ljudmila». Schon hier f"allt eine ambivalente Beziehung zu der «wilden und m"urrischen Natur» des Kaukasus ins Auge. Sie bildete einen Kontrapunkt zum damals vorherrschenden Zeitgeschmack der Naturschw"armerei f"ur eine dramatische Gebirgswelt. Gleichsam entschuldigend spricht Puschkin davon, er habe vergleichsweise blasse Bilder entworfen. Die Naturschilderungen, die im «Gefangenen im Kaukasus» und in zwei Strophen der Reisen des Onegin danach folgen, sind ebenfalls in einer eher ged"ampften Tonlage verfasst. Mit Verwunderung ist festgestellt worden, dass die Kaukasus-Natur den gerade 21-J"ahrigen zu keinerlei gr"osseren lyrischen Werken inspiriert habe[116].

Puschkin vermeidet "Uberschwang, "ubemimmt andererseits manches von seinen Vorg"angern Derzhavin und Zhukovskij. Von der Grossartigkeit der Natur des Kaukasus sind insbesondere Verse aus dem Prolog des «Gefangenen im Kaukasus» durchdrungen. Diese hat f"ur ihn jedoch zugleich Aspekte der D"usternis, ja einer latenten Bedrohlichkeit. In dem Poem ist sie Folie f"ur eine Handlung, in deren Mittelpunkt ein gequ"alter russischer Gefangener steht. Von poetischer Natur-Verkl"arung ist hier wenig zu sp"uren. Auch dem Bild des in der europ"aischen Aufkl"arung des 18. Jahrhunderts verehrten «edlen Wilden» kann Puschkin wenig Reiz abgewinnen. «Den wilden Tscherkessen sitzt der Schreck in den Gliedern», heisst es in einem Brief an den Bruder Lew vom 24.9.1820[117]. Noch deutlicher wird er in der «Reise nach Arzrum»: «Der Mord ist ihnen (i.e. den Tscherkessen) nur eine einfache K"orperbewegung….Was soil man mit einem solchen Volk anfangen?»[118]. Entsprechend setzt sich in der «Arzrum»-Reisebeschreibung die Entzauberung der kaukasischen Natur fort, die f"ur Puschkin zunehmend «fmsteren» Reiz ausstrahlt.

Man hat bez"uglich der Kaukasus-Schilderungen in Puschkins Werk von der Sch"opfung eines «russischen Orientalismus» gesprochen, parallel zu einer zu gleicher Zeit in westeurop"aischen Literaturen gepflegten Manier, mit der das Gegenbild zu einer «verderbten» westeurop"aischen Kultur entworfen werden sollte[119]. F"ur Puschkin spielte jedoch ein anderer Bezugspunkt eine wichtigere Rolle: f"ur ihn war der Kaukasus in einem sehr konkreten zeitgeschichtlichen Sinn Schauplatz eines aktuellen Geschehens milit"arischer russischer Inbesitznahme, die er aus vollem Herzen begr"usste.

2. Puschkin, der russische Patriot

Damit ist eine zweite Facette im Kaukasus-Bild Puschkins ber"uhrt, die ihn als politisch engagierten Zeitgenossen zeigt. Mit Begeisterung preist er die milit"arischen Eroberungen der russischen Zaren im Kaukasus und r"uhmt Heldentaten der sie betreibenden russischen Feldherren. Der Epilog des «Gefangenen im Kaukasus» — er entstand erst ein Jahr nach Beendigung seiner Kaukasus-Reise — ist daf"ur ein immer wieder zitierter Beleg. Puschkin besingt darin «jene ruhmreiche Stunde, als sich… auf dem unwirschen Kaukasus unser doppelk"opfiger Adler erhob»[120]. Es folgt ein Defilee russischer Heerf"uhrer mit der Beschworung des Generals Ermolov als Apotheose.

Die Vers-Erz"ahlung "uber den gefangenen Russen wird so in einen konkreten zeitgeschichtlichen Rahmen gestellt. In seiner Epoche hatte Puschkin wegen dieser patriotischen Verbr"amung wenig Kritik zu gew"artigen; seine Auffassung wurde ganz "uberwiegend geteilt. Zurechtgewiesen wurde er lediglich von seinem Schriftsteller-Freund Furst Vjazemskij mit Worten, die bis heute wenig an Aktualitat eingeb"usst haben:

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