Kommen Sie zu uns, und Sie erwartet das Leben.
Gehen Sie nach Hause, und Sie erwartet der Tod.
Seine Hände waren feucht - Smileys
Hände. Die Hitze war fürchterlich. Zigarette? hatte Smiley gefragt, hier,
nehmen Sie mein Feuerzeug. Es war ein goldenes Feuerzeug, das seine
Schweißspuren trug. Graviert. Ein Geschenk Anns zum Trost für ein Miß
verhalten.
Kommen Sie zu uns, hatte Smiley gesagt. Retten Sie sich.
Sie haben nicht das Recht, eine Überlebenschance abzulehnen. Smiley wiederholte zuerst mechanisch, dann leidenschaftlich, alle die gängigen Argumente, während sein Schweiß auf den Tisch tropfte. Kommen Sie zu uns. Sie haben nichts zu verlieren. Ihre Lieben in Rußland sind bereits verloren. Ihre Rückkehr würde für sie die Dinge nur noch schlimmer machen, nicht besser.
Kommen Sie zu uns. Ich bitte Sie. Hören Sie auf mich, auf die Argumente, die Philosophie.
Und er wartete darauf, daß sein
Gegenüber irgendeine Reaktion auf sein zunehmend verzweifelteres Drängen zeigen
würde. Daß die braunen Augen zucken, daß die steifen Lippen durch die Kringel
des Zigarettenrauchs ein einziges Wort aussprechen würden: Ja, ich komme zu
euch. Ja, ich will auspacken. Ja, ich akzeptiere euer Geld, euer Versprechen,
für mich zu sorgen, das Rumpfleben eines Überläufers. Er wartete darauf, daß
die von den Handschellen befreiten Hände aufhören würden, mit Anns Feuerzeug herumzuspielen,
für George von Ann in aller Liebe. Doch je mehr Smiley in ihn drang, desto
dogmatischer wurde Gerstmanns Schweigen. Smiley drängte ihm Antworten auf, doch
Gerstmann hatte keine dazu passenden Fragen. Allmählich wurde Gerstmanns
fugenlose Festigkeit unheimlich. Er war ein Mann, der sich mit dem Galgen
abgefunden hatte, der lieber von der Hand seiner Freunde sterben, als von der
Hand seiner Feinde leben wollte. Am nächsten Morgen gingen sie auseinander,
jeder seinem vorgezeichneten Schicksal entgegen: Gerstmann flog nach Moskau
zurück, überlebte gegen jede Wahrscheinlichkeit die Säuberung und florierte und
gedieh. Smiley kehrte mit hohem Fieber zu seiner Ann und zu - fast - all ihrer
Liebe zurück; und zu der späteren Erkenntnis, daß Gerstmann niemand anderer
als Karla selbst war, Bill Haydons Anwerber, Einsatzleiter, Mentor; und der
Mann, der Bill in Anns Bett gezaubert hatte - in eben das Bett, in dem Smiley
jetzt lag - um Smileys sich verdichtenden Argwohn von Bills größerem Verrat
abzulenken, vom Verrat am britischen Geheimdienst und seinen Agenten. Karla,
dachte er, als sich seine Augen in die Dunkelheit bohrten, was willst du jetzt
von mir?
Sandmann, dachte er: Warum hältst du mich wach, wo du mich doch eigentlich einschläfern sollst?
Gleicherweise von Geist und Körper gequält, konnte die Ostrakowa in ihrer kleinen Pariser Wohnung nicht schlafen, selbst wenn sie es gewollt hätte: Die ganze Zauberkraft des Sandmanns hätte ihr nicht helfen können. Sie drehte sich auf die Seite, und ihre zerquetschten Rippen stachen, als lägen immer noch die Arme um sie, die versucht hatten, sie unter den Wagen zu schleudern. Sie probierte die Rückenlage, und der Schmerz in ihrem Kreuz war so stark, daß ihr übel wurde. Und wenn sie sich auf den Bauch drehte, wurden ihre Brüste wund wie damals, als sie versucht hatte, Alexandra zu stillen, in den Monaten, bevor sie ihr Kind verließ, und sie haßte sie darum.
Es ist Gottes Strafe, sagte sie ohne zu große Überzeugung. Erst als der Morgen kam und sie wieder mit dem Revolver auf den Knien in Ostrakows Armsessel saß, erlöste die erwachende Welt sie für ein paar Stunden von ihren Gedanken.
13
Die Kunstgalerie lag an jenem Ende der Bond Street, das in Fachkreisen als das Schlechte gilt, und Smiley fand sich am Montagvormittag dort ein, lang ehe irgendein respektabler Kunsthändler aus den Federn war.