Vielleicht wäre Roche der fremdartigen Substanz auf die Schliche gekommen, hätte nicht ein einziger Tropfen davon Universen an Lebensformen beherbergt. Jahrhundertelang hatte man vor lauter Fischen, Säugern und Crustaceen 99 Prozent des marinen Lebens schlicht übersehen. In Wahrheit beherrschten nicht Haie, Wale und Riesenkraken die Ozeane, sondern Heerscharen mikroskopischer Winzlinge. In einem einzigen Liter Oberflächenwasser wuselten Dutzende Milliarden Viren, eine Milliarde Bakterien, fünf Millionen tierische Einzeller und eine Million Algen bunt durcheinander. Selbst Wasserproben aus der lichtlosen und lebensfeindlichen Tiefe jenseits 6000 Meter förderten noch Millionen Viren und Bakterien zutage. In dem Getümmel die Übersicht zu behalten, war so gut wie aussichtslos. Je tiefer die Forschung vordrang in den Kosmos des Allerkleinsten, desto unüberschaubarer bot er sich dar. Meerwasser? Was sollte das sein? Ein genauer Blick durch ein modernes Fluoreszenzmikroskop legte den Schluss nahe, es eher mit einer Art dünnem Gel zu tun zu haben. Wie Hängebrücken durchzog ein Flechtwerk untereinander verknüpfter Makromoleküle jeden Tropfen. Zwischen Bündeln transparenter Fäden, Häutchen und Filme fanden unzählige Bakterien ihre ökologische Nische. Um zwei Kilometer ausgespannter DNS-Moleküle, 310 Kilometer Proteine und 5600 Kilometer Polysaccharide zu messen, brauchte man eben mal einen Milliliter. Und irgendwo dazwischen verbargen sich die Mitglieder einer möglicherweise intelligenten Lebensform. Sie verbargen sich, indem sie sich offen präsentierten als Allerweltsmikroben. So bizarr sich die Gallerte ausnahm, bestand sie keineswegs aus exotischen Lebewesen, sondern aus hundsordinären Tiefseeamöben.
Oliviera stöhnte auf.
Es lag offen zutage, warum Roche nichts begriffen hatte, sie selber nicht, keiner der Leute, die das Wasser aus dem Trockendock analysiert hatten. Niemand war auf die Idee gekommen, Tiefseeamöben könnten zu Kollektiven verschmelzen, die Krabben und Wale steuerten.
»Es kann nicht sein«, beschied Oliviera.
Ihre Worte klangen seltsam kraftlos. Ohne Nachhall blieben sie unter der Haube ihres Schutzanzugs stecken. Erneut verglich sie die taxonomischen Resultate miteinander, aber es änderte nichts an dem, was sie schon wusste. Augenscheinlich setzte sich die Gallerte aus Vertretern einer Amöbenart zusammen. Wissenschaftlich beschrieben. Eine Spezies, die größtenteils unterhalb von 3000 Metern vorkam und bisweilen höher, und das in unvorstellbaren Massen.
»Blödsinn«, zischte Oliviera. »Du verarschst mich doch, Kleines. Hast dich verkleidet. Siehst aus wie eine Amöbe. Ich glaub dir nichts, ich glaub dir gar nichts! Was zum Teufel
Nach Johansons Rückkehr machten sie sich gemeinsam daran, einzelne Zellen der Gallerte zu isolieren. Ohne Unterlass vereisten und erhitzten sie die Amöben, bis die Zellwände platzten. Nach Zugabe von Proteinase zerbrachen die Eiweißmoleküle in Ketten von Aminosäuren. Sie mischten Phenol bei und zentrifugierten die Proben, ein aufwändiges und langwieriges Procedere, befreiten die Lösung von Eiweißtrümmern und Zellwandbestandteilen, nahmen die Fällung vor und erhielten endlich eine wenig klare, wässrige Flüssigkeit, den Schlüssel zum Verständnis des fremden Organismus.
Reine DNA-Lösung.
Der zweite Schritt forderte ihre Geduld noch mehr. Um die DNA zu entschlüsseln, mussten sie Teile davon isolieren und vervielfältigen. Als Ganzes war das Genom nicht lesbar, weil zu komplex, also stürzten sie sich in Sequenzanalysen bestimmter Teilabschnitte.
Es war eine Heidenarbeit, und von Rubin hieß es, er sei krank.
»Dieses Arschloch«, schimpfte Oliviera. »Jetzt hätte er wirklich helfen können. Was fehlt ihm überhaupt?«
»Migräne«, sagte Johanson.
»Der Gedanke hat allerdings was Tröstliches. Migräne tut weh.«
Oliviera pipettierte die Proben in die Sequenziermaschine. Es würde einige Stunden dauern, sie durchzurechnen. Einstweilen konnten sie nichts tun, also ließen sie den obligatorischen Säureregen über sich ergehen und traten aufatmend ins Freie. Oliviera schlug eine Zigarettenpause auf dem Hangardeck vor, solange die Maschine rechnete, aber Johanson hatte eine bessere Idee. Er verschwand in seiner Kabine und kehrte fünf Minuten später mit zwei Gläsern und einer Flasche Bordeaux zurück.
»Gehen wir«, sagte er.
»Wo haben Sie die denn aufgetrieben?«, staunte Oliviera, während sie die Rampe emporschritten.
»So was treibt man nicht auf«, schmunzelte Johanson. »So was bringt man mit. Ich bin ein Meister im Mitführen verbotener Dinge.«
Sie beäugte neugierig die Flasche.
»Ist der gut? Ich verstehe nicht so furchtbar viel davon.«