Ein Schwall Wasser traf Anawaks Beine.

»He, Leon!« Delaware grinste ihn aus dem Becken an. »Was stehst du da rum? Komm rein.«

»Gute Idee«, meinte Greywolf. »Du könntest was Sinnvolles tun.«

»Wir tun eine Menge Sinnvolles da oben«, erwiderte Anawak.

»Zweifellos.« Greywolf streichelte einen der Delphine, der sich an ihn schmiegte und leise schnatternde Laute von sich gab. »Schnapp dir einen der Anzüge.«

»Ich wollte nur kurz nach euch sehen.«

»Nett von dir.« Greywolf versetzte dem Delphin einen Klaps und sah zu, wie er davonschnellte. »Nun hast du uns gesehen.«

»Gibt’s irgendwas Neues?«

»Wir machen die zweite Staffel fertig«, sagte Delaware. »MK-6 hat nichts Außergewöhnliches registriert, abgesehen von heute Morgen, als sie die Anwesenheit der Orcas meldeten.«

»Und zwar, bevor die Elektronik sie gesehen hat«, bemerkte Greywolf nicht ohne Stolz. »Ja, ihr Sonar ist …«

Anawak bekam einen weiteren Schwall ab, als diesmal eines der Tiere wie ein Torpedo aus dem Wasser stieg und ihn nass spritzte. Offenbar fand der Delphin großes Vergnügen daran. Er quiekte und schnatterte und reckte die Schnauze.

»Gib dir keine Mühe«, sagte Delaware zu dem Tier, als könne es sie verstehen. »Leon kommt nicht rein. Er würde sich den Arsch abfrieren, weil er nämlich gar kein richtiger Inuk ist, sondern ein Angeber. Er kann überhaupt kein Inuk sein. Sonst wäre er längst …«

»Okay, okay!« Anawak hob die Hände. »Wo ist der verdammte Anzug?«

Fünf Minuten später half er Delaware und Greywolf, den Tieren der zweiten Staffel die Kameras und Sender anzulegen. Plötzlich fiel ihm ein, wie Delaware ihn gefragt hatte, ob er ein Makah sei.

»Wie bist du damals eigentlich darauf gekommen?«, wollte er wissen.

Sie zuckte die Achseln. »Du hast dich ausgeschwiegen. Irgendwas Indianisches musstest du sein. Wie ein Friese hast du jedenfalls nicht ausgesehen. Jetzt, wo ich’s besser weiß …« Sie strahlte ihn an. »… hab ich auch was für dich!«

»Du hast was für mich?«

Sie zurrte einen Riemen um die Brust eines Delphins.

»Ich bin im Internet darauf gestoßen. Dachte, ich mache dir eine Freude. Hab’s auswendig gelernt, willst du wissen, was es ist?«

»Raus damit!«

»Die Geschichte deiner Welt!« Es klang wie von Fanfarenstößen begleitet.

»Du lieber Himmel.«

»Kein Interesse?«

»Doch«, sagte Greywolf. »Leon interessiert sich brennend für seine geliebte Heimat, er würde es nur ums Verrecken nicht zugeben.« Er kam herbeigeschwommen, flankiert von zwei Delphinen. In seinem gepolsterten Anzug sah er aus wie ein mittelgroßes Seeungeheuer. »Lieber lässt er sich für einen Makah halten.«

»Du hast’s gerade nötig«, bemerkte Anawak.

»Kein Streit, Kinder!« Delaware legte sich auf den Rücken und ließ sich treiben. »Ich meine, wusstet ihr, wo all die Wale und Delphine und die Robben herkommen? Wollt ihr die wahre Erklärung hören?«

»Spann uns nicht auf die Folter.«

»Also, es beginnt in frühester Zeit, als Menschen und Tiere noch eins waren. Da lebte in der Nähe von Arviat ein Mädchen.«

Anawak horchte auf. Das also hatte sie gefunden! Als Heranwachsender hatte er die Geschichte in allen möglichen Varianten gehört, aber dann war sie ihm zusammen mit seiner Kindheit verloren gegangen.

»Wo ist Arviat?«, wollte Greywolf wissen.

»Arviat ist die südlichste Siedlung von Nunavut«, erwiderte Anawak. »War der Name des Mädchens Talilayuk?«

»Oh ja, sie hieß Talilayuk, so hieß sie«, fuhr Delaware mit einigem Pathos fort. »Sie hatte schönes Haar, und viele Männer zeigten großes Interesse an Talilayuk, aber erst ein Hundemann konnte ihr Herz gewinnen. Talilayuk wurde schwanger und gebar Inuit und Nicht-Inuit, alles durcheinander. Bis eines Tages, als der Hundemann gerade Fleisch holen war, ein unglaublich gut aussehender Sturmvogelmann in einem Kajak vor Talilayuks Camp erschien. Er lud sie ein, zu ihm ins Boot zu steigen, und wie das so geht — sie brannten miteinander durch.«

»Das Übliche.« Greywolf inspizierte das Objektiv einer Kamera. »Und wann kommen die Wale ins Spiel?«

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