Als es draußen schon fast dunkel ist, kommt Corinna noch einmal ins Zimmer. »Es ist jetzt kurz nach neun, und morgen wartet wieder ein aufregender Tag auf euch. Ich habe mir heute genau angesehen, wie ihr reitet, und muss sagen, ihr macht eure Sache alle sehr gut. Wenn das Wetter also morgen so gut ist wie heute, will ich mit euch ausreiten. Deswegen macht bitte gleich das Licht aus und schlaft. Gute Nacht!«
»Gute Nacht!«, schallt es im Chor zurück, dann macht Luisa die große Deckenlampe aus, so dass es mit einem Mal ziemlich schummrig im Zimmer wird. Luisa legt sich in ihr Bett, ich hüpfe hinterher und lege mich wieder ans Fußende. Herrlich – von mir aus bräuchte ich zu Hause gar kein Körbchen, sondern würde dauerhaft ins Kinderzimmer ziehen.
Luisa schläft ziemlich schnell ein, die anderen Mädchen flüstern noch ein bisschen miteinander, dann wird es auch bei ihnen still. Ich denke noch einen Moment über den Nachmittag im Stall nach. Ob Luisa mich irgendwann mal auf eine Fuchsjagd mitnehmen könnte? Ausritt klingt doch schon mal vielversprechend, also ein bisschen wie Jagd ohne Jagd. Da möchte ich auf alle Fälle mitkommen. Vielleicht freunde ich mich dann auch noch mit dem Kollegen Lucky an. Mit dem Gedanken an wundervolle Gespräche zwischen Hund und Pferd schlafe ich ein.
Ein knirschendes Geräusch weckt mich wieder. Schlaftrunken rappele ich mich hoch und versuche zu orten, aus welcher Ecke des Zimmers das Knirschen kommen könnte. Das ist in einem dunklen, unbekannten Raum gar nicht so einfach, aber schließlich bin ich mir sicher: Das Geräusch kommt von der Seite, an der die Fenster sind. Es wird lauter, jetzt ist es ein richtiges Hämmern, gefolgt von einem Heulen. Greta wird wach und setzt sich in ihrem Bett auf, dann auch Lena und Luisa.
»Was ist das?«, flüstert Greta in die Dunkelheit.
»Weiß nicht«, flüstert Luisa zurück.
»Ich glaube, es kommt vom Fenster«, stellt Lena fest. »Greta, geh doch mal gucken.«
»Nee, ich trau mich nicht. Das klingt so gruselig!«
In diesem Moment wird das Heulen lauter, und dann taucht hinter der Fensterscheibe etwas auf, was auch einen tapferen Dackel wie mich verschreckt: ein Totenkopf! Genauer gesagt, ein Totenkopf mit einer dunklen Kapuze um den Schädel und einer riesigen, dreizackigen Gabel in der Hand. Der Totenkopf heult jetzt ganz laut, zudem schlägt er die Gabel gegen das Fenster. Von dem Lärm sind nun auch die anderen Mädchen wach geworden und sitzen verängstigt in ihren Betten.
Keine Frage – ein Monster will die Scheiben einschlagen! Es ist gekommen, um uns zu holen! Wie aus einem Mund kreischen alle fünf Mädchen vor Angst los, und ich kläffe, was das Zeug hält.
ZWANZIG
Also, es hat versucht, mit einem Dreizack das Fenster einzuschlagen? Und es hat getobt und geheult?« Am nächsten Morgen sitzt Corinna von Eschersbach mit den Mädchen am Frühstückstisch und lässt sich noch einmal genau schildern, was in der Nacht zuvor passiert ist. Wobei nach dem Geschrei der Kinder eigentlich gar nichts mehr passiert ist, denn als Corinna und ihr Mann Gero daraufhin ins Zimmer geschossen kamen, gab es von dem Monster weit und breit keine Spur mehr.
Ich persönlich bin nach dieser Nacht völlig gerädert. Die Mädchen sind geschlossen in das Wohnzimmer von Corinna und Gero umgezogen und haben dort ein Matratzenlager aufgebaut. Von mir gewissenhaft bewacht, sind die Kinder auch irgendwann eingeschlafen, aber ich habe natürlich kein Auge zugetan. Immer wieder bin ich zur Tür geschlichen und habe geschnüffelt, ob sich dort etwas Verdächtiges tun könnte. Und als ich dann doch einmal kurz eingenickt bin, habe ich von glutäugigen Monstern und anderen Schlossgespenstern geträumt und bin sofort wieder aufgewacht.
»Vielleicht wohnt das Schlossgespenst ja schon ganz lange hier, und wir haben es irgendwie aufgeschreckt«, mutmaßt Luisa jetzt. Die anderen Mädchen nicken heftig.
»Also, ich lebe bereits seit zehn Jahren auf dem Schloss, und von einem Gespenst habe ich noch nie etwas gehört«, versucht Corinna zu beruhigen. Damit hat sie Recht. Mir geht es genauso, und ich bin mir sicher, Opili hätte ein Monster erwähnt, wenn es eines gegeben hätte. An den blassen Nasenspitzen von Luisa, Lena, Greta und den anderen kann ich allerdings ablesen, dass sie immer noch große Angst haben. Mist! Dabei sollte das hier doch ein ganz tolles Wochenende für die Mädchen werden, damit Luisa endlich ihre Freundin wird.
»Lasst es uns doch so machen: Nach dem Frühstück gehen wir gleich zu euren Ponys rüber. Das Wetter ist wunderschön, wir können ausreiten. Und nach ein, zwei Stunden in der Sonne sieht die Welt bestimmt wieder viel freundlicher aus. Gero wird in der Zwischenzeit das ganze Schloss und den Hof nach dem Gespenst absuchen. Und wenn er es findet, macht er es dingfest. Was meint ihr? Gute Idee?«