Lena zieht eine Augenbraue hoch. Nach allem, was ich über menschliche Mimik weiß, nicht unbedingt ein Ausdruck von Freundschaft und Wertschätzung.
»So.
Hättest sie ja fragen können, du kleine Wichtigtuerin. Ob sich Luisa freut, wenn ich Lena mal ein bisschen zwicke? Vielleicht in den Po? Dann kann sie nämlich garantiert nicht mehr reiten. Wie gerne würde ich genau das jetzt tun. Aber ein Blick auf Luisa hält mich davon ab. Denn sie sieht nicht so aus, als sei sie sauer auf Lena. Eher so, als wolle sie ihr irgendwie gefallen. Traurig, aber wahr: Die Hierarchie in diesem Mädchenrudel scheint klar zu sein, und wenn Luisa da mitmachen will, muss sie erst einmal kleine Brötchen backen.
»Seid ihr fertig umgezogen und startklar für eure erste Reitstunde?« Corinna kommt herein, auch sie hat schon Reitsachen an und riecht nach Pferd. Puh, wenn Luisa nun wirklich zur Vollblutreiterin wird, muss sich meine Nase wohl auf einiges einstellen. Andererseits – wäre ich zum Jagdhund ausgebildet worden, dann würde ich bei diesem Geruch bestimmt an eine Fuchsjagd denken und in wilde Begeisterung ausbrechen.
Kurz darauf finde ich mich im Pferdestall wieder, wo die Mädchen ihre Ponys putzen und satteln. Als Welpe war ich hier nie, also ist es auch für mich ganz interessant. Luisa hat ein kleines weißes Pony von Corinna bekommen, es heißt Lucky, und soweit ich das beurteilen kann, sieht es sehr sanftmütig aus.
»Hey, Kollege«, versuche ich, Lucky in ein Gespräch zu verwickeln, »ich hoffe, du passt gut auf Luisa auf. Sie ist wirklich ein sehr nettes Mädchen.«
Aber Lucky starrt mich bloß mit seinen großen Ponyaugen an und kaut weiter auf dem Heuhalm, der noch aus seinem Maul hängt. Na gut, dann eben kein Smalltalk. Wie meine Schwester schon so treffend anmerkte: Für die Jagd sind Pferde toll, ansonsten langweilig.
»Mal kurz herhören!« Corinna von Eschersbach steht in der Stallgasse und klatscht in die Hände. »Ich möchte euch zwei Jungs vorstellen, die euch in den nächsten beiden Tagen ein bisschen helfen werden. Das hier sind Lasse und Max.«
Neben ihr tauchen zwei Jungs auf, die etwas größer als Luisa und ihre Freundinnen sind. Der eine ist kräftig, hat ganz helle Haare und lauter Punkte auf der Nase, der andere hat dunkle Locken und ist sehr dünn. Beide grinsen zu den Mädchen herüber, die wiederum die Jungs neugierig über die Rücken der Ponys mustern.
»Lasse und Max kennen den Stall und die Pferde ganz genau und sind selbst tolle Reiter«, fährt Corinna fort, »also, wann immer ihr eine Frage zu den Ponys habt oder einen Tipp braucht, seid ihr bei den beiden bestens aufgehoben.«
Lasse kommt einen Schritt nach vorne. »Ja, Mädels, wir helfen euch gerne. Sagt einfach Bescheid.«
»Ich wüsste nicht, was ich von euch über Pferde lernen könnte«, kommt es in diesem Moment in einem sehr hochnäsigen Ton aus der Box, in dem ein etwas größeres schwarzes Pony steht. Lena, natürlich! »Ich reite schon seit drei Jahren, mein Papa sagt, dass ich eine
Lasse und seinem Kumpel bleibt der Mund offen stehen, und auch Corinna von Eschersbach guckt sehr erstaunt. Lena ist das egal, unbeeindruckt erzählt sie weiter von ihren Erfolgen in der Welt der Pferde und Ponys.
»Das Adventsreiten habe ich übrigens auch gewonnen, und demnächst bekomme ich sowieso ein eigenes Pony, damit ich regelmäßig auf Turnieren reiten kann. Also, vielleicht fragt
Max flüstert Lasse etwas ins Ohr, was wie
Nach Reitstunde und Abendessen verziehen sich die fünf Mädchen auf ihr Zimmer. Corinna hat erlaubt, dass ich auch dort schlafen darf, also klebe ich förmlich an Luisa. Schließlich hat sie gesagt, dass ich sie mutiger mache – und Mut kann sie meiner Meinung nach in dieser Gruppe wirklich gut gebrauchen. Schon wieder führt Lena das große Wort, die anderen lauschen andächtig, hin und wieder gibt ein Mädchen ein Stichwort, auf das Lena dann eine neue Geschichte erzählen kann. Nur Luisa bleibt die ganze Zeit über stumm, und ich kann mir kaum vorstellen, dass es für sie tatsächlich schön ist, das Wochenende mit dem Tussi-Club zu verbringen.