Die altesten sprachlichen Zeugnisse der Kontakte mit der Hanse gehen auf die noch mundliche Phase der Begegnungen in den Spuren der Skandinavier zurtick. Onomastik slavischen und finnischen Ursprungs und Entlehnungen im Mittelniederdeutschen durch skandinavische Vermittlung werden dargestellt und philologisch und kulturhistorisch kommentiert. Was die Schriftlichkeit der sich in Novgorod befindlichen Hanseaten anbetrifft, so gehort, unter nur einzelnen Aufschriften auf Birkenrinde, das ganze uberlieferte Textkorpus in den Bereich des Rechts und der Verwaltung. Mittelniederdeutsche Urkunden und andere Dokumente, die die diplomatischen und Handelskontakte der Hansestadte (vor allem Ltibeck und der baltischen Städte Riga, Reval und Dorpat) mit dem russischen Groß Novgorod belegen, sind zur Analyse des schriftlichen Verkehrs der Novgoroder Machthaber mit den hansischen Handelspartnern herangezogen. Anhand von umfangsreichen Textzeugnissen wird gezeigt, daß das Dolmetschen und die Ubersetzung in den diplomatischen und wirtschaftlichen Verhandlungen zwischen den Hanseaten und den Novgoroder Fursten von der deutschen Seite durchgeführt wurde. Die ofizielle Schriftsprache der hansischen Städte — die niederdeutsche Hansesprache — muß damit als Hauptinstrument dieser Kontakte angesehen werden. Dies hatte interessante Folgen, indem die Kanzleisprache der Deutschen markante Eigenschaften annahm, die auf die russische kulturelle Situation und auf die altrussische diplomatische Urkundensprache zurtickgehen. Nach den Ergebnissen der Forschung, unterscheiden sich diese, auf den russisch-hansischen Kontext bezogenen, Spach- und Textmerkmale der niederdeutschen Urkunden chronologisch und geographisch. Diese Unterschiede können als Kriterien für die Atribuierung und Datierung von undatierten (zum Beispiel, von beschadigten) Texten dienen und der Rekonstruierung anderer historischer Umstande helfen, die nicht direkt aus dem Inhalt der Quellen hervorgehen.
NOWGOROD UND HANSE.
Резюме[8]
Nowgorod war durch seine Entstehung an der Kreuzung der wichtigs-ten Wasserstrassen (der Weg «von den Waragern zu den Griechen» und der Ostsee-Wolga-Weg) von Beginn an in der Einflußsphare des mittelalterlichen Ostseeraumes.
Eine lange Entstehungs- und Entwicklungsperiode der kultur-histori-schen, politischen und Handelsbeziehungen zwischen Nowgorod und den europaischen Nord- und Weststaaten (Abendland) ging den Verhaltnissen zwischen Nowgorod und den Hansestadten voraus.
Die engen kultur-historische und Handelskontakte von Nowgorod im sudlichen Ostseeraum, die in der Vergangenheit dieser Regionen wurzeln, sind in den X—XI Jahrhunderten offensichtlich. Zu dieser Zeit waren auch schon Handels- und Politikbeziehungen mit den skandinavischen Landern vorhanden.
Im X. Jahrhundert wurden die engen Kontakte zwischen Nowgorod und der Insel Gotland aufgenommen, der schon jahrelang ein Handels-zentrum in der Ostseeregion war. Die Nowgoroder hatten einen eigenen Hof in Visby, die Kaufleute aus Gotland haben schon im Anfang des XII. Jahrhunderts auch einen eigenen Handelshof in Nowgorod eingerichtet. Dieser Handelshof ist in den Quellen als Gotischer Handelshof mit der Olafskirche bekannt.
In der zweiten Halfte des XII. Jahrhunderts traten im Ostseehandel die wesentlichen Anderungen ein, die durch die Erscheinung der deutschen Kaufleute im Ostseeraum hervorgerafen wurden.
Die Städt Lübeck, die direkte Beziehungen zu der Insel aufzunehmen begann, hat in der Jahrhundertsmitte eine wichtige Bedeutung im Handel neben der Insel Gotland gewonnen.
Der Vertrag aus dem Jahre 1163 war für die Festigung der Handelsbe-ziehungen zwischen Gotland und Lubeck von grofiem Belang. Die deutschen Kaufleute erhielten dementsprechend eine Reihe von Privilegien unter der Bedingung, dafi sie Lubeck besuchen werden. Die deutschen Kaufleute besuchten den gotländischen Markt gern und ubersiedelten so-gar für den standigen Wohnsitz in die zentrale Inselstadt Visby, wo sie in den 80-ern Jahren des XII. Jahrhunderts eine eigene Kaufmannsgemeinde gegrundet haben (gilda communis). Als die deutschen Kaufleute sich auf der Insel Gotland eingerichtet hatten, nahmen sie einen direkten Kontakt mit den alten Handelspartnern, den Gotlandern und Nowgorodern auf und begannen kommerziellen Verkehr mit ihnen einzurichten. Es entstand im Jahre 1188 ein Konflikt zwischen den Nowgoroder Kaufleuten und der deutschen Kaufmannsgemeinde auf Gotland, der die gerade angefange-nen Handelskontakte unterbrach. Das gegenseitige Interesse für die Han-delsfortführung verlangte dennoch eine rasche Beilegung des Konfliktes. Dies kam im Handelsvertrag 1191–1192 im Namen des Furstes Jaroslav Vladimirovitsch, des Posadniks Miroschka, des Tausendführers Jakov, des Nowgoroder Botschafter Arbud, mit den Deutschen und Goten zum Ausdruck.