Was folgte, war eine komplizierte Analyse seiner Familienbeziehungen und Clanverbindungen, doch als sich der Nebel der Geschichte verzogen hatte, sah die Sache so aus, dass Francis MacLean irgendwie mit den MacKenzies verschwägert war und er daher die Nachricht von Horrocks an Colum übersandt hatte, der dann Dougal aufgetragen hatte, mit Jamie Verbindung aufzunehmen.
»Was auch der Grund ist, warum er in der Nähe war, als ich verwundet wurde«, schloss Jamie. Er hielt inne und blinzelte in die Sonne. »Ich habe mich danach sogar gefragt, ob er es vielleicht selbst getan hat.«
»Mit einer Axt auf dich eingeschlagen? Dein eigener Onkel? Warum denn das!?«
Er runzelte die Stirn, als überlegte er, wie viel er mir erzählen sollte, dann zuckte er mit den Schultern.
»Ich weiß ja nicht, wie viel du über die MacKenzies weißt«, antwortete er, »obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass du tagelang neben dem alten Ned Gowan hergeritten bist, ohne zumindest ein bisschen von der Clangeschichte zu erfahren. Er kann gar nicht lange ohne dieses Thema sein.«
Ich lächelte, und er nickte. »Nun, du hast Colum selbst gesehen. Jeder kann sehen, dass er nicht alt werden wird. Und der kleine Hamish ist gerade erst acht; es wird noch zehn Jahre dauern, bis er den Clan anführen kann. Was passiert also, wenn Colum stirbt, ehe Hamish so weit ist?« Er sah mich fragend an.
»Vermutlich würde Dougal das Amt übernehmen«, sagte ich nachdenklich, »zumindest so lange, bis Hamish alt genug ist.«
»Aye, das stimmt.« Jamie nickte. »Aber Dougal ist anders als Colum, und es gibt viele Männer im Clan, die ihm nicht gern folgen würden … wenn es eine Alternative gäbe.«
»Ich verstehe«, sagte ich langsam, »und du bist die Alternative.«
Ich betrachtete ihn genau und musste zugeben, dass es durchaus vorstellbar war. Er war der Enkel des alten Jacob; in ihm floss MacKenzie-Blut, wenn auch nur mütterlicherseits. Ein kräftiger, gut gebauter junger Mann, der nicht nur intelligent war, sondern dazu das Familientalent geerbt hatte, Menschen zu leiten. Er hatte in Frankreich gekämpft und dort bewiesen, dass er Männer in den Kampf führen konnte; ein wichtiges Argument. Selbst das Kopfgeld war möglicherweise kein unüberwindliches Hindernis – wenn er erst Clanoberhaupt war.
Angesichts der ständigen kleinen Rebellionen, der Raubzüge an den Territorialgrenzen und der Clanfehden hatten die Engländer genug Schwierigkeiten in den Highlands, um nicht auch noch einen größeren Aufstand zu riskieren, indem sie das Oberhaupt eines bedeutenden Clans des Mordes bezichtigten – den die Schotten noch dazu überhaupt nicht als Mord betrachten würden.
Einen unbedeutenden Mann aus dem Fraser-Clan zu hängen war eine Sache; die Burg Leoch zu stürmen und das Oberhaupt des MacKenzie-Clans vor ein englisches Gericht zu schleifen war etwas völlig anderes.
»Hast du denn vor, Anführer zu werden, wenn Colum stirbt?« Das war schließlich ein möglicher Ausweg aus seinen Schwierigkeiten, obwohl ich vermutete, dass dieser Weg seine eigenen Hindernisse mit sich brachte.
Er lächelte kurz über diesen Gedanken. »Nein. Selbst wenn ich glauben würde, dass es mir zusteht – was ich nicht glaube –, würde es den Clan spalten. Dougals Männer gegen meine möglichen Anhänger. Ich habe kein Interesse an der Macht, wenn sie andere das Leben kostet. Aber das konnten Dougal und Colum ja nicht mit Sicherheit wissen, nicht wahr? Möglich, dass sie es für gefahrloser hielten, mich einfach umzubringen, statt mit dem Risiko zu leben.«
Nachdenklich runzelte ich die Stirn. »Du könntest Dougal und Colum doch gewiss sagen, dass du gar nicht vorhast … oh.« Ich blickte mit beträchtlichem Respekt zu ihm auf. »Aber das hast du ja getan. Bei der Eidzeremonie.«
Ich hatte ihm ohnehin schon Respekt dafür gezollt, wie gut er mit dieser gefährlichen Situation umgegangen war; jetzt erkannte ich, wie gefährlich sie wirklich gewesen war. Die Clansmänner hatten mit Sicherheit gewollt, dass er seinen Eid schwor; Colum hatte genauso sicher gewünscht, dass er es nicht tat. Einen solchen Eid zu schwören bedeutete, seine Zugehörigkeit zum MacKenzie-Clan zu deklarieren, womit man auch als Kandidat für das Amt des Anführers in Frage kam. Wenn er sich weigerte, riskierte er es, offen zusammengeschlagen oder umgebracht zu werden; wenn er einwilligte, riskierte er dasselbe – nur nicht so offen.
Da er die Gefahr kannte, hatte er klugerweise beschlossen, der Zeremonie fernzubleiben. Und als ich ihn mit meinem misslungenen Fluchtversuch geradewegs wieder an den Rand des Abgrunds gebracht hatte, hatte er unbeirrt den Fuß auf ein schmales Seil gesetzt und war hinübergeschritten.
Er sah die Gedanken über mein Gesicht hinweghuschen und nickte.
»Aye. Wenn ich an dem Abend meinen Eid geschworen hätte, hätte ich wahrscheinlich das Morgengrauen nicht erlebt.«