Mir wurde ein wenig mulmig bei diesem Gedanken, gepaart mit dem Wissen, dass ich ihn einer solchen Gefahr ausgesetzt hatte, ohne es zu ahnen. Das Messer über seinem Bett schien mir plötzlich nur noch eine ganz verständliche Vorsichtsmaßnahme zu sein. Ich fragte mich, wie oft er wohl in Leoch bewaffnet geschlafen hatte, weil er damit rechnete, dass ihm der Tod einen Besuch abstattete.

»Ich schlafe immer bewaffnet, Sassenach«, sagte er, obwohl ich gar nichts gesagt hatte. »Abgesehen von der Zeit im Kloster habe ich letzte Nacht zum ersten Mal seit Monaten nicht mit dem Dolch in der Faust geschlafen.« Er grinste, vermutlich weil er daran dachte, was er stattdessen in der Faust gehabt hatte.

»Woher zum Teufel hast du gewusst, was ich denke?«, wollte ich wissen. Ich ignorierte sein Grinsen, doch er schüttelte gutmütig den Kopf.

»Du wärst eine armselige Spionin, Sassenach. Alles, was du denkst, steht dir ins Gesicht geschrieben. Du hast meinen Dolch angesehen, und dann bist du rot geworden.« Er legte den Kopf schief und betrachtete mich abschätzend. »Ich habe dich gestern Abend zwar um Aufrichtigkeit gebeten, aber eigentlich war es gar nicht nötig; du bist gar nicht imstande zu lügen.«

»Gut, dass wir das festgestellt haben«, sagte ich spitz. »Dann glaubst du also wenigstens nicht, dass ich eine Spionin bin?«

Er antwortete nicht. Sein Blick war über meine Schulter hinweg auf das Wirtshaus gerichtet, und sein ganzer Körper war plötzlich angespannt wie eine Bogensehne. Im ersten Moment war ich verblüfft, doch dann hörte ich die Geräusche, die seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatten. Hufgetrappel und klirrendes Zaumzeug; eine große Gruppe berittener Männer kam über die Straße auf das Wirtshaus zu.

Mit vorsichtigen Bewegungen hockte sich Jamie so hinter die schützenden Büsche, dass er die Straße überblicken konnte. Ich raffte meine Röcke und kroch ihm so leise wie möglich unauffällig nach.

Die Straße schlug einen Haken um einen Felsvorsprung herum, dann verlief sie in einer sanfteren Kurve auf die Talmulde zu, in der das Wirtshaus stand. Der Morgenwind trug zwar die Geräusche der nahenden Truppe in unsere Richtung, doch es dauerte noch ein oder zwei Minuten, bis die erste Pferdenase in Sicht kam.

Es waren zwanzig oder dreißig Mann, die zum Großteil lederne Beinkleider und Tartan trugen, allerdings in unterschiedlichen Farben und Mustern. Sie waren ausnahmslos gut bewaffnet. Jedes Pferd trug mindestens eine Muskete an seinem Sattel befestigt; die Männer strotzten vor Pistolen, Dolchen und Schwertern; hinzu kam das, was sich womöglich in den voluminösen Satteltaschen an weiterer Bewaffnung verbarg. Sechs der Männer hatten Handpferde dabei, die weder Lasten noch Sättel trugen.

Trotz ihrer kriegerischen Aufmachung vermittelten die Männer einen entspannten Eindruck; sie ritten lachend und plaudernd daher, obwohl hier und dort ein erhobener Kopf ein wachsames Auge auf die Umgebung hatte. Ich unterdrückte den Instinkt, mich zu ducken, als der Blick eines Mannes über die Stelle hinwegwanderte, an der wir versteckt lagen; es kam mir so vor, als müsste dieser suchende Blick die geringste Bewegung erspähen oder Jamies in der Sonne aufleuchtendes Haar.

Bei diesem Gedanken hob ich den Kopf und stellte fest, dass Jamie offenbar dieselbe Idee gekommen war; er hatte sich ein Stück seines Plaids über Kopf und Schultern gelegt, so dass er dank des gedämpften Jagdmusters quasi mit dem Unterholz verschmolz. Als der letzte der Männer den Innenhof des Gasthauses erreicht hatte, ließ Jamie das Plaid sinken und zeigte auf den Pfad, der den Hügel hinaufführte.

»Weißt du, wer das ist?«, keuchte ich, während ich ihm bergauf in die Heidelandschaft folgte.

»Oh, aye.« Jamie bewegte sich über den steilen Pfad wie eine Bergziege, ohne irgendwie außer Atem zu geraten. Dann sah er sich um, bemerkte, wie mühsam ich vorankam, und reichte mir die Hand, um mir zu helfen.

»Es ist die Wachpatrouille«, erklärte er und wies kopfnickend auf das Gasthaus zurück. »Wir sind hier zwar sicher, aber ich dachte, besser, wenn wir noch ein bisschen weiter weggehen.«

Ich hatte schon von der berühmten Schwarzen Wache gehört, jener inoffiziellen Polizeitruppe, die in den Highlands für Ordnung sorgte, und auch von anderen Wachpatrouillen, die alle ihre eigenen Territorien durchstreiften und von ihren Klienten ein regelmäßiges Entgelt dafür kassierten, dass sie auf ihr Vieh und ihren Besitz aufpassten. Geriet ein Klient in Verzug, so war es gut möglich, dass er eines Morgens aufwachte, sein Vieh verschwunden war und ihm niemand sagen konnte, wohin – schon gar nicht die Männer der Wache. Ich wurde plötzlich von einer irrationalen Angst gepackt.

»Sie sind doch nicht auf der Suche nach dir, oder?«

Er schaute sich verblüfft um, als rechnete er damit, diverse Verfolger bergauf galoppieren zu sehen, doch es war niemand da, und er richtete den Blick mit einem erleichterten Lächeln wieder auf mich und legte mir den Arm um die Taille, um mir voranzuhelfen.

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