»Erstens sind wir erst einen knappen Monat verheiratet«, stellte er fest. »Zweitens …«, er blickte kopfschüttelnd auf und grinste, »ich habe es dir doch schon einmal gesagt, Sassenach. Man kann dir alles, was du denkst, am Gesicht ablesen.«
»Verflixt«, sagte ich.
Abgesehen von einem kurzen Ausflug zum Sprechzimmer, wo ich nachschaute, ob es Notfälle gab, verbrachte ich den nächsten Morgen damit, mich um die recht anspruchsvollen Bedürfnisse meines einzigen Patienten zu kümmern.
»Du solltest dich doch eigentlich ausruhen«, sagte ich irgendwann tadelnd.
»Das tue ich doch auch. Nun ja, zumindest ruht sich mein Knöchel aus. Siehst du?«
Ein langes, strumpfloses Schienbein hob sich in die Luft, und ein knochiger, schlanker Fuß wackelte hin und her. Er hielt abrupt inne, und sein Besitzer stieß ein gedämpftes »Autsch« aus. Jamie ließ das Bein sinken und massierte sich sacht den geschwollenen Knöchel.
»Geschieht dir ganz recht«, sagte ich und schwang meinerseits die Beine unter den Decken hervor. »Komm jetzt. Du hast lange genug hier im Bett herumgemieft. Du brauchst frische Luft.«
Er setzte sich, so dass ihm das Haar ins Gesicht fiel.
»Ich dachte, du hättest mir Ruhe verschrieben.«
»Du kannst dich an der frischen Luft ausruhen. Steh auf. Ich mache jetzt das Bett.«
Unter großem Gejammer über meine Herzlosigkeit und meinen Mangel an Rücksicht auf einen schwerkranken Mann zog er sich an und blieb sitzen, bis ich ihm den schmerzenden Knöchel verbunden hatte, doch dann meldete sich sein normaler Überschwang zurück.
»Es ist ein bisschen feucht draußen«, stellte er mit einem Blick ins Freie fest, wo der schwache Nieselregen gerade beschlossen hatte, ganze Sache zu machen und sich in einen Wolkenbruch zu verwandeln. »Lass uns aufs Dach gehen.«
»Aufs Dach? Natürlich. Ich kann mir gar kein sinnvolleres Rezept für einen verstauchten Knöchel vorstellen, als sechs Treppen hochzusteigen.«
»Fünf. Außerdem habe ich einen Gehstock.« Mit einer triumphierenden Geste holte er diesen Stock, einen betagten Weißdornknüppel, hinter der Tür hervor.
»Wo hast du den denn her?«, erkundigte ich mich und betrachtete dann den Stock. Aus nächster Nähe sah er noch mitgenommener aus, ein knapper Meter Hartholz, voller Macken und vom Alter gehärtet wie ein Diamant.
»Alec hat ihn mir geliehen. Er braucht ihn für die Maultiere, pocht ihnen damit auf die Stirn, damit sie auf ihn hören.«
»Das klingt nach einer guten Methode«, sagte ich und beäugte das abgenutzte Stück Holz. »Das muss ich irgendwann auch probieren. Bei dir.«
Schließlich traten wir an einer kleinen geschützten Stelle ins Freie, dicht unter dem Überhang des Schieferdachs. Eine niedrige Brüstung bildete die Kante des schmalen Ausgucks.
»Oh, wie schön!« Trotz der Regenböen hatte man auf dem Dach eine großartige Aussicht; wir konnten die weite Silberfläche des Sees sehen und die schroffen Berge dahinter, die sich in die Masse aus Grau hineinschoben wie zerfurchte schwarze Fäuste.
Jamie lehnte sich über die Brüstung und entlastete seinen verletzten Fuß.
»Aye, das stimmt. Als ich hier gewohnt habe, bin ich manchmal hier hinaufgeklettert.«
Er zeigte auf den See, der sich unter dem Prasseln des Regens kräuselte.
»Siehst du die Lücke dort zwischen den beiden Bergen?«
»Ja.«
»Das ist der Weg nach Lallybroch. Wenn ich Heimweh hatte, habe ich manchmal hier gestanden und hinübergeschaut. Ich habe mir vorgestellt, wie eine Krähe über diesen Pass zu fliegen und die Hügel und Felder auf der anderen Bergseite zu sehen und das Gutshaus am Ende des Tals.«
Ich berührte ihn sacht am Arm.
»Möchtest du zurück, Jamie?«
Er wandte den Kopf und lächelte auf mich hinunter.
»Nun, daran gedacht habe ich schon. Ich möchte nicht unbedingt behaupten, dass ich es mir sehnsüchtig wünsche, aber ich glaube, wir müssen einfach nach Lallybroch. Ich weiß zwar nicht, was wir dort vorfinden werden, Sassenach, aber … aye. Ich bin jetzt verheiratet. Du bist Herrin von Broch Tuarach. Vogelfrei oder nicht, ich muss zurück, und sei es nur, um die Lage zu klären.«
Ein Stoß durchfuhr mich bei dem Gedanken, Leoch und seine gesammelten Intrigen hinter mir zu lassen – Erleichterung und Nervosität zugleich.
»Und wann gehen wir?«
Er runzelte die Stirn und trommelte mit den Fingern auf die Brüstung, deren Stein vom Regen dunkel glänzte.
»Nun, ich denke, wir müssen noch auf den Herzog warten. Es ist ja möglich, dass es in seinem Interesse liegt, Colum einen Gefallen zu tun, indem er sich meines Falls annimmt. Wenn er mich nicht von den Vorwürfen freigesprochen bekommt, kann er vielleicht eine Begnadigung erwirken. Dann wäre es nämlich um einiges ungefährlicher, nach Lallybroch zu gehen.«
»Gut, ja, aber …« Ich zögerte, und er sah mich scharf an.
»Was ist, Sassenach?«
Ich holte tief Luft. »Jamie … wenn ich dir jetzt etwas sage, versprichst du mir, nicht zu fragen, woher ich es weiß?«
Er nahm mich an beiden Armen und sah mir ins Gesicht. Der Regen fing sich in seinem Haar, und kleine Tropfen rannen ihm über die Wangen. Er lächelte mich an.