»So sah es aus. Aber die Zeit verging, und sie kamen nicht zurück, und Colum bekam es mit der Angst zu tun, dass Grant mit ihr durchgebrannt wäre, sie entführt hätte. Und genau den Anschein hatte es, denn der Rosengarten war leer, als sie endlich nachgesehen haben. Dann hat er mich aus dem Stall holen lassen – und ich habe ihm mitgeteilt, dass Grants Männer ihre Pferde geholt hatten und der ganze Haufen ohne ein Abschiedswort davongeritten war.«

Außer sich vor Wut war der achtzehnjährige Dougal aufs Pferd gestiegen und hatte sich an Malcolm Grants Fersen geheftet, ohne zu warten, bis ihn jemand begleiten konnte, und ohne sich mit Colum zu beratschlagen.

»Als Colum gehört hat, dass Dougal sich an die Verfolgung gemacht hatte, hat er mich mit ein paar anderen holterdiepolter hinterhergeschickt. Colum kannte ja Dougals Wutausbrüche und wollte seinen neuen Schwager nicht tot auf der Straße finden, ehe auch nur das Aufgebot bestellt werden konnte. Er ist davon ausgegangen, dass Malcolm Grant Ellen nicht zur Hochzeit überreden konnte und sie deshalb entführt hatte, um sich an ihr zu vergehen und sie so zur Heirat zu zwingen.«

Alec hielt inne und dachte nach. »Dougal konnte natürlich nicht mehr darin sehen als den Affront. Aber um die Wahrheit zu sagen, glaube ich nicht, dass Colum besonders bestürzt war, Affront oder nicht. Es hätte schließlich sein Problem gelöst – und Grant hätte Ellen vermutlich ohne ihre Mitgift nehmen und Colum sogar noch eine Wiedergutmachung bezahlen müssen.«

Alec prustete zynisch. »Colum würde ja nie eine gute Gelegenheit ungenutzt lassen. Er handelt schnell und rücksichtslos.« Er schielte mich über die Schulter hinweg mit seinem blauen Auge an. »Das solltest du besser nie vergessen, Kleine.«

»Das ist unwahrscheinlich«, versicherte ich ihm grimmig. Ich erinnerte mich an Jamies Erzählung von seiner Bestrafung auf Colums Befehl und fragte mich, inwieweit das wohl Rache für die Rebellion seiner Mutter gewesen war.

Doch Colum hatte keine Gelegenheit bekommen, seine Schwester mit dem Oberhaupt der Grants zu verheiraten. Gegen Tagesanbruch hatte Dougal Malcolm Grant in sein Plaid gehüllt unter einem Ginsterbusch am Straßenrand gefunden, wo er mit seinen Gefolgsmännern schlief.

Und als Alec und die anderen etwas später angerast gekommen waren, hatte sich ihnen ein verblüffender Anblick geboten: Dougal MacKenzie und Malcolm Grant schwankten und stolperten bis zur Taille entblößt und vom Kampf gezeichnet auf der Straße umher und tauschten immer noch einzelne Hiebe aus, wenn sie in Reichweite des anderen kamen. Grants Gefolgsmänner hockten an der Straße wie die Eulen und wandten die Köpfe nach rechts und links, während der ersterbende Kampf in der nassen Morgendämmerung vor sich hin mäanderte.

»Sie keuchten beide wie überanstrengte Pferde, und in der kühlen Luft stieg ihnen der Dampf von den Körpern auf. Grants Nase war auf die doppelte Größe angeschwollen, Dougal konnte kaum noch aus den Augen sehen, und beiden lief das Blut über den Körper und trocknete ihnen auf der Brust.«

Beim Erscheinen von Colums Männern waren Grants Leute mit den Händen an den Schwertern aufgesprungen, und das Zusammentreffen wäre vermutlich in ernsthaftes Blutvergießen ausgeartet, wäre nicht einem Adlerauge unter den MacKenzies die nicht ganz unwichtige Tatsache aufgefallen, dass Ellen MacKenzie nirgendwo bei den Grants zu sehen war.

»Nun, nachdem sie Malcom Grant mit Wasser überschüttet und zur Besinnung gebracht hatten, konnte er ihnen sagen, was Dougal nicht hatte hören wollen – dass Ellen gerade einmal eine Viertelstunde mit ihm im Rosengarten verbracht hatte. Er hat sich geweigert zu verraten, was zwischen ihnen vorgegangen war, doch was immer es war, es hatte ihn so gekränkt, dass er sofort hatte gehen wollen, ohne sein Gesicht in Colums Halle zu zeigen. Er hatte Ellen im Garten stehen gelassen und sie nie mehr zu Gesicht bekommen. Er wünschte, den Namen Ellen MacKenzie in seiner Gegenwart nie wieder zu hören. Und damit ist er – zwar noch etwas wackelig, aber immerhin – aufs Pferd gestiegen und davongeritten. Und ist dem Clan MacKenzie seitdem alles andere als wohlgesinnt.«

Ich hörte ihm fasziniert zu. »Und wo war Ellen die ganze Zeit?«

Alec lachte, und es klang wie eine ächzende Stalltür.

»Auf und davon. Aber das hat man erst nach einer Weile herausgefunden. Wir haben kehrtgemacht und sind schleunigst nach Hause. Ellen war nach wie vor verschwunden, und Colum stand leichenblass auf Angus Mhor gestützt im Hof.«

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