Worum das geheimnisvolle Gedicht kreist, wird in der 2. Strophe explizit: das Orakel. Um Zukunftsdeutung geht es hier, um die seit Urzeiten von den V"olkern praktizierte Mantik, die Wahrsage — und Seherkunst. Und auch der mysteri"ose Farn im Titel weist in dieselbe Richtung.

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Farne sind lebende Fossile, die sich seit Hunderten von Millionen Jahren kaum ver"andert haben. Sie z"ahlen zu den "altesten Pflanzen auf der Erde, waren im Karbon vor 350 Millionen Jahren die vorherrschende Landpflanze. Farne bl"uhen nicht, bilden weder Samen noch Fr"uchte, weshalb sie dem Menschen jahrtausendelang ein R"atsel waren.

Ein Kraut, das nicht bl"uht und sich trotzdem vermehrt? Die Menschen umgaben diese Pflanze seit je mit einer geheimnisvollen Aura, ihr wurden "ubematiirliche Kr"afte zugeschrieben. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts l"uftete der deutsche Botaniker Wilhelm Hofmeister (1824–1877) das Geheimnis der kleinen braunen Punkte auf der Unterseite der Farnwedel. Es sind Sporenkapseln, die bei trockenem Wetter aufreissen und die Sporen herausschleudem.

In der Geschichte des Aberglaubens schrieb der Farn ein gewichtiges Kapitel. Die Menschen glaubten, der Farn bl"uhe nur in der Johannisnacht (24. Juni), der Nacht der Sommersonnenwende (Iwan Kupala bei den Slawen), die ohnehin ein Zeitraum f"ur Magie und sonderbare Rituale war. Wem es in dieser Nacht gelang, den «Farnsamen» einzuholen, der gewann "ubematiirliche Zauberkr"afte. Farn sollte unverwundbar machen, vor Blitz und Hagel sch"utzen, D"amonen und Hexen fernhalten. Als Gl"ucksbringer im Spiel und in der Liebe gait er, im Geldbeutel sorgte er daf"ur, dass dieser nie leer wurde, er verhalf zu Wohlstand und Reichtum. Mit Hilfe dieses (vermeintlichen, fiktiven) «Farnsamens» konnte man die Tiersprache verstehen, verborgene Sch"atze finden, sich unsichtbar machen. Shakespeare spielt in «Henry IV» (1. Teil, 2. Akt, 1. Szene) auf diesen Volksglauben an: «We have the receipt of fern-seed, we walk invisible».

Die giftigen Farne waren ber"uchtigtes Hexenkraut. Der Aberglaube um sie war so gross, dass Herzog Maximilian I. von Bayern im Jahre 1611 und das Konzil von Ferrara 1612 das Einholen von «Farnsamen» unter Strafe stellten. Im «Handw"orterbuch des deutschen Aberglaubens» hat der Farn reiche Spuren hinterlassen, und Jacob Grimm schreibt in seiner «Deutschen Mythologie» (II, 1012 f.):

…wer farnsamen holen will, muss keck sein und den teufel zwingen k"onnen. Man geht ihm auf Johannisnacht nach vor tagesanbruch, z"undet ein feuer und legt t"ucher oder breite bl"atter unter das farnkraut, dann kann man seinen samen aufheben. Manche heften bl"uhendes farnkraut "uber die hausth"ure, dann geht alles gut… der farnsamen macht unsichtbar, ist aber schwer zu finden, denn nur in der mittsommemacht von zw"olf bis eins reift er, und f"allt dann gleich ab und ist verschwunden.

Bei diesem starken Bezug zur Magie erstaunt es nicht, dass Farnwedel bei Kelten, Angelsachsen und Slawen auch zur Zukunftsdeutung herangezogen wurden — allerdings in schriftloser Zeit, weshalb uns die Details der Deutung ein R"atsel bleiben m"ussen. Anhand der feinen Ver"astelungen, Kr"auselungen, bizarren schneckenartigen Blatt-Einrollungen des Farnkrautes versuchten Druiden und Schamanen, Heiler und Hexer die Geheimnisse der Zukunft zu enthtillen. Das geheime mathematische Potential des Famkrauts wird sich sehr viel spater, n"amlich in unserer Zeit, in Benoit Mandelbrots «Chaostheorie» wiederfmden.

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Das Zauberkraut des Farns macht also unsichtbar, und unsichtbar bleibt in Brodskys Gedicht das Farn-Motiv nach seiner Erw"ahnung im Titel. Doch der Gedichttext umspielt, ironisiert und parodiert Orakelspr"uche und alte Praktiken der Weissagung. Seien es simple Bauern — oder Wetterregeln (Anfang 2. Strophe), sei es die traditionell von Zigeunern praktizierte Handlesekunst, die Chiromantie ("Ubergang 4. / 5. Strophe), sei es eine alttestamentarische Weissagung, das Menetekel auf der Wand beim letzten babylonischen K"onig Belsazar (3. Strophe), das beim Propheten Daniel (5, 25–30) geschildert wird. Auf die babylonische Praxis des Sterndeutens, die Kunst der Chald"aer, wird in der 7. Strophe angespielt: «Am Flimmern des Sterns — dass das Mitleid leider abgeschafft ist…»

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