Selbst das alte griechische Orakel in Delphi, das aus der Stimme brach, aus der Stimme der auf dem Dreifuss "uber einer Erdspalte sitzenden Pythia, ist pr"asent in der parodistischen Version der «zarten Freundin» der 1. Strophe, in deren Stimme vorausklingt, dass das Ende der Liebe kommen wird, dass ein Rivale da ist. Delphi als Hauptort des Orakels: Brodsky wird seiner eigenen freien "Ubersetzung des Gedichtes ins Englische den Titel «North of Delphi» geben. Auch die Sibylle ist allem zuvor Stimmgewalt, die R"aume und Zeiten durchdringt und "uberspringt, wie es uns ein Fragment des Heraklit von Ephesos nahelegt:

Die Sibylle, die aus rasendem Mund Ungelachtes,Ungeschminktes und Ungesalbtes ert"onen l"asst,reicht mit ihrer Stimme durch tausend Jahre,denn so treibt sie der Gott an.* * *

Ob als verballhomtes Delphi-Orakel, ob als babylonisches Stemdeuten oder biblisches Menetekel, ob als Bauern — und Wetterregel, als zigeunerische Handlesekunst oder urt"umliche Deutung der Ver"astelungen des Farnkrauts: Der allgemein-menschliche — und hilflose — Versuch einer Zukunftsvorhersage, der bei zahllosen V"olkern beharrlich unternommen wurde, bezeichnet das zentrale Geschehen in diesem Brodsky-Gedicht, auch wenn der postmoderne Dichtersich dem Gegenstand ironisch-parodistisch n"ahert.

Der Dichter selber ist das archaische «Farnkraut», das hier seine «Anmerkungen zur Zukunft» macht. Er ist selber ein Instrument der Zukunftsdeutung, ein sp"ater Vertreter der alttestamentarischen Propheten, auch wenn er die hehre Instanz noch so parodistisch bricht. Damit wird ebenso der Ursprung der Poesie aus der Magie, aus den Zauberspr"uchen beschworen wie die uralte Verbindung von Poesie und Orakel. Der Gott der Poesie und der Gott des Orakels ist ein und derselbe: Apollon.

Dieses «Farnkraut» namens Brodsky kennt das Resultat aller Zukunft von allem Anfang an, wenn er die Verfahren der Mantik ironisch bis sarkastisch einander abl"osen l"asst. Er kennt die «Perspektive», die auch in anderen Gedichten der Sp"atzeit Brodskys aufblitzt, das Ziel und Ende eines jeden Menschenlebens: Du wirst sterben. In der leicht saloppen Version der 3. Strophe: «Der Helle hat / "uberall die Perspektive dass er aus dem Gesichtsfeld / kippt. Und h"ort er eine Glocke an sein H"ororgan flitzen / so schl"agt die ihm: man s"auft man sticht man gibt den Teller ab» («Человеку всюду / мнится та перспектива, в которой он / пропадает из виду. И если он слышит звон, / то звонят по нему: пьют, бьют и сдают посуду»).

Dass diese Perspektive universal g"ultig ist, besagt gerade das verschl"usselte Zitat der Totenglocke, die bei einem von Brodskys Lieblings-dichtem auftaucht — bei dem «metaphysical poet» John Donne (1572–1631), den er nicht nur in der «Grossen Elegie f"ur John Donne» von 1963 w"urdigte, sondern auch ins Russische "ubersetzte. Im Anhang zu seinem ersten autorisierten Gedichtband «Haltestelle in der W"uste» («Остановка в пустыне», New York, 1970) finden sich vier "Ubertragungen von Gedichten John Donnes.

Das Zitat der Totenglocke, das schon Hemingway f"ur den Titel seines Romans «For Whom the Bell Tolls» («Wem die Stunde schl"agt») sich aneignete, findet sich in der 17. Andacht des 1623 entstandenen Andachtbuches «Devotions» von John Donne:

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