Sie gingen im Gänsemarsch die Vortreppe hinunter und reihten sich vor dem Schloß auf. Es war ein kalter, klarer Abend; die Dämmerung brach an und der Mond, blaß und durchsichtig wirkend, war bereits über dem Verbotenen Wald aufgegangen. Harry, der zwischen Ron und Hermine in der vierten Reihe stand, sah, wie es Dennis Creevey vorn bei den Erstkläßlern vor gespannter Erwartung geradezu schüttelte.

»Fast sechs«, sagte Ron mit einem Blick auf seine Uhr und spähte dann ungeduldig die Auffahrt hinunter, die nach vorn zum Schloßtor führte.»Wie, glaubst du, werden sie kommen? Mit dem Zug?«

»Wohl kaum«, sagte Hermine.

»Wie dann? Auf Besen?«, überlegte Harry und blickte hoch zum sternbedeckten Himmel.

»Glaub ich auch nicht… wenn sie von so weit her kommen…«

»Mit einem Portschlüssel?«, rätselte Ron.»Oder sie könnten apparieren -«

»Du kannst nicht aufs Gelände von Hogwarts apparieren, wie oft soll ich dir das noch sagen?«, flüsterte Hermine unwirsch.

Aufgeregt suchten sie die Ländereien des Schlosses ab, über die jetzt die Nacht hereinbrach, doch nichts rührte sich; alles war friedlich, still und eigentlich wie immer. Harry wurde allmählich kalt. Wenn sie sich nur beeilen würden… vielleicht bereiteten die ausländischen Schüler einen dramatischen Auftritt vor… ihm fiel ein, was Mr Weasley im Zeltlager vor der Quidditch-Weltmeisterschaft gesagt hatte -»Immer dasselbe, wir können es einfach nicht lassen, ein wenig zu prahlen, wenn wir zusammenkommen…«

Und dann rief Dumbledore aus der hinteren Reihe, wo er mit den anderen Lehrern stand -»Aha! Wenn ich mich nicht sehr täusche, nähert sich die Delegation aus Beauxbatons!«

»Dort!«, schrie ein Sechstkläßler und deutete hinüber zum Wald.

Etwas Großes, viel größer als ein Besen – oder auch hundert Besen -, kam in sanften Wellen über den tiefblauen Himmel auf das Schloß zugeflogen.

»Ein Drache!«, kreischte eine Fünftkläßlerin und geriet völlig aus dem Häuschen.

»Blödsinn… es ist ein fliegendes Haus!«, sagte Dennis Creevey.

Dennis war mit seiner Vermutung schon näher dran… Als die gigantische schwarze Gestalt über die Baumspitzen des Verbotenen Waldes strich und ins Licht der Schloßfenster glitt, sahen sie, daß es eine riesige graublaue Kutsche war, groß wie ein stattliches Haus, die auf sie zurauschte, durch die Lüfte gezogen von einem Dutzend geflügelter Pferde, allesamt Palominos, jedoch so groß wie Elefanten.

Die ersten drei Schülerreihen wichen zurück, als die Kutsche sich neigte und mit ungeheurer Geschwindigkeit zum Landen ansetzte – dann, mit einem alles erschütternden Krachen, das Neville rückwärts auf den Fuß eines Slytherin-Fünftkläßlers springen ließ, schlugen die Pferdehufe auf festem Grund auf. Eine Sekunde später landete auch die Kutsche und federte auf ihren riesigen Rädern auf und ab, während die goldenen Pferde ihre riesigen Köpfe zurückwarfen und mit ihren großen feuerroten Augen rollten.

Harry konnte gerade noch erkennen, daß auf der Kutschentür ein Wappen prangte (zwei gekreuzte goldene Zauberstäbe, aus denen jeweils drei Funken stoben), als auch schon die Tür aufging.

Ein Junge in blaßblauem Umhang sprang aus der Kutsche, bückte sich, machte sich einen Moment lang auf dem Kutschboden zu schaffen, zog dann eine ausklappbare goldene Treppe heraus und sprang respektvoll einen Schritt zurück. Harry sah einen hochhackigen, schimmernd schwarzen Schuh aus der Kutsche auftauchen – ein Schuh von der Größe eines Kinderschlittens -, dem sogleich die größte Frau folgte, die er je gesehen hatte. Das erklärte natürlich die Größe der Kutsche und der Pferde. Einigen Umstehenden stockte der Atem.

Harry hatte bisher nur einen Menschen gesehen, der so groß war wie diese Frau, und das war Hagrid; er war sich nicht sicher, ob Hagrid auch nur um einen Zentimeter größer war. Doch irgendwie – vielleicht nur, weil er an Hagrid gewöhnt war – schien diese Frau (die sich jetzt am Fuß der Treppe zu der mit aufgerissenen Augen wartenden Menge umsah) von noch unnatürlicherer Größe zu sein. Als sie in das Licht trat, das aus der Eingangshalle flutete, zeigte sich, daß sie ein hübsches, olivfarbenes Gesicht hatte, große, schwarze, feucht schimmernde Augen und eine schnabelähnliche Nase. Ihr Haar war im Nacken zu einem glänzenden Knoten zusammengebunden. Sie war von Kopf bis Fuß in schwarzen Satin gekleidet und an Hals und Händen glitzerten viel prächtige Opale.

Dumbledore fing an zu klatschen; ihm folgend brachen auch die Schüler in Applaus aus, und viele stellten sich auf die Zehenspitzen, um diese Frau besser sehen zu können.

Die Anspannung in ihrem Gesicht wich einem dankbaren Lächeln und sie schritt auf Dumbledore zu und streckte ihm ihre funkelnde Hand entgegen. Dumbledore, der selbst nicht gerade klein war, mußte sich ein wenig recken, um sie zu küssen.

»Meine liebe Madame Maxime«, sagte er.»Willkommen in Hogwarts.«

»Dumblydorr«, sagte Madame Maxime mit tiefer Stimme.»Isch 'offe, Sie befinden sisch wohl?«

»In exzellenter Verfassung, danke, Madame«, sagte Dumbledore.

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