»Meine Schüler«, sagte Madame Maxime und wies mit ihrer riesigen Hand lässig nach hinten.
Harry, der wie gebannt auf Madame Maxime gestarrt hatte, sah jetzt, daß etwa ein Dutzend Jungen und Mädchen – offenbar alle ältere Teenager – aus der Kutsche geklettert waren und sich nun hinter Madame Maxime aufstellten. Sie bibberten, was angesichts ihrer feinseidenen Umhänge nicht überraschte. Einen Reiseumhang trug keiner von ihnen, ein paar jedoch hatten Tücher und Schals um die Köpfe geschlungen. Nach dem, was Harry von ihren Gesichtern erkennen konnte (sie standen im mächtigen Schatten Madame Maximes), sahen sie mit bangem Blick hinauf nach Hogwarts.
»Ist Karkaroff schon angekommen?«, fragte Madame Maxime.
»Er sollte jeden Moment eintreffen«, sagte Dumbledore.»Möchten Sie vielleicht hier warten und ihn begrüßen oder würden Sie lieber hineingehen und sich ein wenig aufwärmen?«
»Aufwärmen, würde isch sagen«, sagte Madame Maxime.»Aber die 'ferde -«
»Unser Lehrer für die Pflege magischer Geschöpfe wird sich mit Vergnügen um sie kümmern«, sagte Dumbledore,»sobald er sich von einem kleinen Notfall lösen kann, der sich bei einem seiner – ähm – anderen Schützlinge eingestellt hat.«
»Kröter«, murmelte Ron Harry ins Ohr und fing an zu grinsen.
»Meine Rosse verlangen – ahm – eine 'arte 'and«, sagte Madame Maxime mit einer Miene, als bezweifelte sie, daß der zuständige Lehrer in Hogwarts der richtige Mann dafür sei.»Sie sind serr stark…«
»Ich versichere Ihnen, daß Hagrid dieser Aufgabe vollkommen gewachsen ist«, sagte Dumbledore lächelnd.
»Serr gutt«, sagte Madame Maxime mit einer leichten Verbeugung,»würden Sie bitte diesem 'Agrid mitteilen, daß die 'ferde nur Single Malt Whisky saufen?«
»Dafür wird selbstverständlich gesorgt, Madame«, sagte Dumbledore ebenfalls mit einer Verbeugung.
»Kommt«, sagte Madame Maxime gebieterisch zu ihren Schülern, und das versammelte Hogwarts teilte sich, um ihr und ihrem Gefolge einen Weg die steinerne Treppe hinauf zu öffnen.
»Wie groß, glaubt ihr, werden die Pferde von Durmstrang sein?«, sagte Seamus Finnigan, der sich um Lavender und Parvati herumbeugte und Harry und Ron ansah.
»Tja, wenn sie noch größer sind als die hier, kann selbst Hagrid sie nicht mehr im Zaum halten«, sagte Harry.»Womöglich haben ihn die Kröter inzwischen schon verspeist. Was dahinten wohl los ist?«
»Vielleicht sind sie abgehauen«, sagte Ron hoffnungsvoll.
»Sag bloß nicht so was«, sagte Hermine schaudernd.»Stell dir vor, dieses Gekröse krabbelt auf den Ländereien rum…«
Sie standen jetzt bibbernd da und warteten auf die Ankunft der Schüler aus Durmstrang. Die meisten ließen die Blicke hoffnungsvoll über den Himmel schweifen. Ein paar Minuten lang wurde die Stille nur durch das Schnauben und Stampfen von Madame Maximes Pferden unterbrochen. Doch dann -»Kannst du was hören?«, sagte Ron plötzlich.
Harry lauschte; ein lautes, ganz und gar unvertrautes, schauriges Geräusch kam aus der Dunkelheit; ein gedämpftes Pochen und ein Saugen, als ob ein riesiger Staubsauger ein Flußbett entlangrauschte…
»Der See!«, rief Lee Jordan und deutete hinüber aufs Wasser.»Seht euch den See an!«
Dort, wo sie standen, oben auf der begrünten Anhöhe mit Blick über die Ländereien, konnten sie die glatte schwarze Wasseroberfläche gut sehen – nur daß diese Oberfläche plötzlich nicht mehr glatt war. Tief unten in der Mitte des Sees mußte sich etwas regen; große Blaseri drangen nach oben, Wellen spülten über die sumpfigen Uferbänke – und dann bildete sich mitten im See ein gewaltiger Strudel, als wäre soeben ein riesiger Stöpsel aus dem Seegrund gezogen worden…
Etwas wie ein langer schwarzer Pfahl begann nun langsam aus dem Herzen des Strudels emporzusteigen… und dann sah Harry die Takelage…
»Es ist ein Mast!«, sagte er zu Ron und Hermine.
Langsam und majestätisch erhob sich das Schiff aus dem Wasser und schimmerte im Mondlicht. Es hatte etwas merkwürdig Gerippehaftes an sich, als wäre es ein geborgenes Wrack, und die trüben, verschwommenen Lichter, die aus seinen Bullaugen schimmerten, sahen aus wie Geisteraugen.
Endlich, mit einem gewaltigen Schmatzen und Schwappen, tauchte das Schiff zur Gänze auf, tänzelte über das aufgewühlte Wasser und glitt auf das Ufer zu.
Nun gingen Leute von Bord; ihre Umrisse waren vor den Lichtern der Bullaugen zu sehen. Sie alle, fiel Harry auf, schienen ungefähr die Statur von Crabbe und Goyle zu haben… doch dann, als sie den Hang herauf näher kamen und das Licht der Eingangshalle auf sie fiel, sah er, daß ihre Gestalten deshalb so massig wirkten, weil sie Mäntel aus einer Art zottigem, verfilztem Pelz trugen. Doch der Mann, der sie hoch zum Schloß führte, trug einen ganz anderen Pelz: seidig und glänzend wie sein Haar.
»Dumbledore!«, rief er mit Inbrunst, als er die Anhöhe erreicht hatte,»wie geht's Ihnen, altes Haus, wie geht's?«
»Glänzend, danke, Professor Karkaroff«, erwiderte Dumbledore.