Doch jemand anderes hatte es getan… jemand wollte, daß er am Turnier teilnahm, und hatte dafür gesorgt, daß sein Name ins Spiel gebracht wurde. Warum? Um ihm einen Gefallen zu tun? Das konnte er kaum glauben…
Um zu sehen, wie er sich zum Narren machte? In diesem Fall würde der Wunsch wohl in Erfüllung gehen…
Doch um ihn sterben zu sehen? Litt Moody nur wieder an seinem üblichen Verfolgungswahn? War es nicht möglich, daß jemand seinen Namen in den Kelch geworfen hatte, um sich einen Scherz zu erlauben, um ihn zu triezen? Wollte wirklich jemand, daß er starb?
Diese Frage konnte Harry sofort beantworten. Ja, jemand wollte ihn tot sehen, jemand wünschte ihm den Tod, seit er ein Jahr alt gewesen war… Lord Voldemort. Doch wie hätte es Voldemort bewerkstelligen sollen, seinen Namen in den Feuerkelch zu werfen? Voldemort war angeblich weit weg, in einem fernen Land, und versteckte sich, einsam und allein… entkräftet und machtlos…
Doch in jenem Traum, aus dem er mit schmerzender Narbe hochgeschreckt war, war Voldemort nicht allein gewesen… er hatte mit Wurmschwanz gesprochen… und mit ihm den Mord an Harry ausgeheckt…
Harry erschrak, denn er stand plötzlich vor der fetten Dame. Er hatte kaum wahrgenommen, wohin ihn seine Füße trugen. Eine Überraschung war auch, daß sie nicht allein in ihrem Rahmen war. Die verhutzelte Hexe, die in das Gemälde ihres Nachbarn huschte, als er vorhin in den kleinen Raum gekommen war, saß nun mit blasierter Miene neben der fetten Dame. Sie mußte durch jedes Bild entlang der sieben Treppen gehastet sein, nur um vor ihm hier anzukommen. Die Hexe und die fette Dame sahen ihn höchst interessiert von oben herab an.
»Schön, schön, schön«, sagte die fette Dame.»Violet hat mir soeben alles erzählt. Wer ist nun also gerade zum Schulchampion bestimmt worden?«
»Quatsch«, sagte Harry dumpf.
»Das ist es ganz sicher nicht«, sagte die Hutzelhexe entrüstet.
»Nein, nein, Vi, es ist das Paßwort«, beschwichtigte sie die fette Dame, und sie schwang an ihren Angeln hängend zur Seite, um Harry einzulassen.
Der Lärmschwall, der durch das Porträtloch an Harrys Ohren drang, riß ihn beinahe von den Füßen. Dann wußte er nur noch, daß ein Dutzend Händepaare ihn in den Gemeinschaftsraum zerrte, wo ganz Gryffindor schreiend, klatschend und pfeifend auf ihn wartete.
»Du hättest uns was sagen sollen!«, brüllte Fred halb verärgert, doch auch schwer beeindruckt.
»Wie hast du es geschafft, ohne daß dir ein Bart gewachsen ist? Genial!«, polterte Fred.
»Hab ich nicht«, sagte Harry.»Ich weiß nicht, wie -«
Doch Angelina hatte sich nun seiner angenommen.»Tja, wenn nicht ich, dann wenigstens ein anderer Gryffindor -«
»Jetzt kannst du es Diggory für das letzte Quidditch-Spiel heimzahlen!«, kreischte Katie Bell, ebenfalls eine Gryffindor-Jägerin.
»Wir haben was zu essen, Harry, komm, hau rein -«
»Ich hab keinen Hunger, wirklich, ich hab beim Fest genug gegessen -«
Doch niemand wollte hören, daß er keinen Hunger hatte; niemand wollte hören, daß nicht er selbst seinen Namen in den Feuerkelch geworfen hatte; nicht ein Einziger von ihnen schien zu merken, daß er überhaupt nicht in Feierstimmung war… Lee Jordan hatte irgendwo ein Gryffindor-Banner ausgegraben und er ließ sich nicht davon abbringen, es wie eine Toga um Harry zu wickeln. Kein Entkommen für Harry; wann immer er versuchte sich zur Schlafsaaltreppe zu verdrücken, schloß sich die Schar um ihn und drängte ihm noch ein Butterbier auf, drückte ihm Kartoffelchips und Erdnüsse in die Hände… alle wollten sie wissen, wie er es geschafft hatte, Dumbledores Alterslinie auszutricksen und seinen Namenszettel in den Kelch zu werfen…
»Ich war's nicht«, sagte er immer und immer wieder.»Ich weiß nicht, was passiert ist.«
Doch er hätte genauso gut den Mund halten können, so wenig hörten sie ihm zu.
»Ich bin müde!«, brüllte er schließlich, nach fast einer halben Stunde.»Nein, im Ernst, George, ich geh zu Bett -«
Er wünschte sich nichts sehnlicher, als mit Ron und Hermine zu sprechen und wieder ein wenig zu sich zu kommen, aber keiner von beiden schien hier zu sein. Noch einmal rief er, daß er Schlaf brauche, und trat fast die kleinen Creevey-Brüder platt, die ihm am Fuß der Treppe auflauerten. Doch dann gelang es ihm, alle abzuschütteln, und er hastete, so schnell er konnte, die Treppe hoch zum Schlafsaal.
Zu seiner großen Erleichterung fand er Ron noch angezogen auf dem Bett im sonst leeren Schlafsaal liegen. Dieser hob den Kopf, als Harry die Tür hinter sich schloß.
»Wo warst du?«, fragte Harry.
»Ach, hallooh«, sagte Ron.
Er grinste, doch es war ein sehr merkwürdiges, gezwungenes Grinsen. Harry wurde plötzlich klar, daß er immer noch das scharlachrote Gryffindor-Banner trug, das Lee ihm umgebunden hatte. Rasch wollte er es losschnüren, doch es war sehr fest verknotet. Ron lag reglos auf dem Bett und sah Harry zu, wie er verzweifelt versuchte das Tuch loszuwerden.
»Na denn«, sagte er, als sich Harry endlich von dem Banner befreit und es in eine Ecke gepfeffert hatte.»Gratuliere.«