Nachdem ich mich erhoben hatte, als das Tier auftauchte, musste ich unbewusst näher herangegangen sein, um es zu beobachten. Denn jetzt fand ich mich auf einer der Felsplatten wieder, die in den See hinausragten, und sah zu, wie die Wogen sich legten, das Wasser sich beruhigte und der See wieder glatt wurde.
Einen Moment lang stand ich da und blickte über das unergründliche Wasser hinaus. »Leb wohl«, sagte ich schließlich zu den leeren Wellen. Ich schüttelte mich und wandte mich wieder dem Ufer zu.
Oben auf der Böschung stand ein Mann. Ich erschrak, doch dann erkannte ich einen unserer Wagenknechte. Ich erinnerte mich, dass er Peter hieß, und der Eimer in seiner Hand lieferte die Erklärung für seine Anwesenheit. Ich war schon im Begriff, ihn zu fragen, ob er das Tier auch gesehen hatte, doch seine Miene, als ich mich näherte, war Antwort genug. Sein Gesicht war weißer als die Gänseblümchen zu seinen Füßen, und Schweißtröpfchen liefen ihm in den Bart. Ich konnte das Weiße seiner Augen sehen wie bei einem verängstigten Pferd, und seine Hand zitterte so sehr, dass ihm der Eimer gegen das Bein schlug.
»Ist ja gut«, sagte ich beruhigend, als ich ihn erreichte. »Es ist fort.«
Statt ihn zu beruhigen, schienen diese Worte ihn nur noch mehr zu alarmieren. Er ließ den Eimer fallen, ging vor mir auf die Knie und bekreuzigte sich.
»Ha-habt Erbarmen mit mir«, stammelte er. Dann vergrößerte er meine Verlegenheit noch, indem er sich flach auf den Boden warf und den Saum meines Kleides umklammerte.
»Mach dich doch nicht lächerlich«, sagte ich gereizt. »Steh auf!« Ich stieß ihn vorsichtig mit dem Zeh an, doch er bibberte nur und blieb auf dem Boden liegen wie ein platt getretener Pilz. »Steh auf, es ist doch nur ein …« Ich hielt inne und dachte krampfhaft nach. Ihm den lateinischen Namen zu nennen würde wahrscheinlich nicht besonders hilfreich sein.
»Nur ein kleines Monster«, sagte ich schließlich. Ich packte seine Hand und zog ihn hoch. Ich musste ihm den Eimer füllen, weil er – verständlicherweise – nicht in die Nähe des Wassers gehen wollte. Er folgte mir in sicherem Abstand zurück zum Lager. Dort hastete er sofort zu seinen Maultieren, sah sich jedoch immer wieder nervös nach mir um.
Da er nicht vorzuhaben schien, den anderen von dem Ungeheuer zu erzählen, hielt ich es für besser, ebenfalls zu schweigen. Dougal, Jamie und Ned waren zwar gebildete Männer, doch die anderen waren Highlander aus den entlegensten Tälern des MacKenzie-Landes, wo sie weder lesen noch schreiben gelernt hatten. Sie waren zwar tapfere, unerschrockene Kämpfer, jedoch so abergläubisch wie die primitivsten Stammeskrieger in Afrika oder dem Nahen Osten.
Also aß ich schweigend zu Abend und ging zu Bett. Doch zu jeder Sekunde war mir bewusst, dass mich Peter, der Wagenknecht, voller Argwohn beäugte.
Kapitel 20
Allein auf weiter Flur
Zwei Tage nach dem Überfall wandten wir uns wieder nach Norden. Wir näherten uns jetzt dem Treffpunkt mit Horrocks, und Jamie machte hin und wieder einen geistesabwesenden Eindruck. Vermutlich beschäftigte ihn die mögliche Bedeutung der Aussage des englischen Deserteurs.
Ich selbst hatte Hugh Munro zwar nicht wiedergesehen, aber in der vorigen Nacht war ich erwacht, und Jamie hatte nicht neben mir auf der Decke gelegen. Zwar versuchte ich, wach zu bleiben und auf seine Rückkehr zu warten, doch mein Schlafbedürfnis war stärker. Am Morgen schlief er tief und fest neben mir, und auf meiner Decke lag ein kleines Päckchen, das in ein dünnes Blatt Papier gewickelt war, in dem eine Spechtfeder steckte. Als ich es vorsichtig öffnete, fand ich ein großes Stück Bernstein, das an einer Seite glatt poliert war. In diesem Fenster konnte ich den zierlichen Umriss einer kleinen Libelle sehen, die in ewigem Flug gefangen war.
Ich strich das Papier glatt. Auf der schmutzigen weißen Oberfläche stand in kleinen, überraschend eleganten Lettern eine Nachricht.
»Kannst du das entziffern?«, fragte ich Jamie, während ich die seltsamen Worte betrachtete. »Ich glaube, es ist Gälisch.«
Er stützte sich auf einen Ellbogen und warf blinzelnd einen Blick auf das Blatt.
»Kein Gälisch. Latein. Munro war einmal Schulmeister, ehe ihn die Türken erwischt haben. Das Gedicht ist von Catull«, sagte er.
…
Seine Ohren färbten sich rötlich, als er übersetzte:
»Oh, das hat ja viel mehr Klasse als der gewöhnliche Glückskeks«, stellte ich belustigt fest.
»Was?«, fragte Jamie verblüfft.
»Nicht wichtig«, sagte ich hastig. »Hat Munro Horrocks für dich gefunden?«