Er beugte sich über mich und legte mir sacht den Mund auf die Lippen. Ich hatte schon einige Männer geküsst, vor allem während der Kriegsjahre, als Flirts und spontane Romanzen die leichtmütigen Begleiter des Todes und der Ungewissheit waren. Seine große Sanftheit hatte nichts mit Zurückhaltung zu tun; sie war das Versprechen einer Macht, die ihm zwar bewusst war, die er jedoch im Zaum hielt; eine Herausforderung, die umso bemerkenswerter war, als sie nicht mit einer Forderung verbunden war. Ich bin dein, sagte sie. Und wenn du mich willst …
Ich wollte, und mein Mund öffnete sich unter dem seinen und nahm das Versprechen und die Herausforderung an, ohne mich zu fragen. Nach einem ausgiebigen Moment hob er den Kopf und lächelte auf mich hinunter.
»Oder ich kann versuchen, dich abzulenken«, schloss er.
Er drückte meinen Kopf an seine Schulter, streichelte mein Haar und strich mir die unternehmungslustigen Löckchen an den Ohren glatt.
»Ich weiß nicht, ob es hilft«, sagte er leise, »aber ich möchte dir eines sagen: Es ist ein Geschenk und ein Wunder für mich, zu wissen, dass ich dir Freude bereiten kann – dass mein Körper den deinen erregen kann. So etwas hätte ich nie gedacht … vorher.«
Ich holte tief Luft, ehe ich antwortete. »Doch«, sagte ich. »Das hilft. Glaube ich.«
Wieder schwiegen wir eine Weile. Schließlich wich Jamie zurück und blickte lächelnd auf mich hinunter.
»Ich habe dir doch gesagt, dass ich weder Geld noch Besitz habe, Sassenach?«
Ich nickte und fragte mich, worauf er hinauswollte.
»Ich hätte dich im Voraus warnen sollen, dass wir wahrscheinlich oft in Heuhaufen schlafen werden und uns von Ale und Hafer ernähren werden.«
»Das macht mir nichts aus«, sagte ich.
Er wies kopfnickend auf eine Lücke in den Bäumen, ohne den Blick von mir abzuwenden.
»Ich habe zwar keinen Heuhaufen dabei, aber dort drüben ist ein schönes Farngebüsch. Falls du Lust hast zu üben, nur um zu sehen, wie es ist …?«
Etwas später streichelte ich ihm den Rücken, der feucht war vom Saft zerdrückter Farne und weil er sich so verausgabt hatte.
»Wenn du noch einmal ›danke‹ sagst, ohrfeige ich dich«, sagte ich.
Als Antwort ertönte neben mir ein sanftes Schnarchen. Ein tief hängender Farnwedel streifte seine Wange, und eine neugierige Ameise krabbelte ihm über die Hand, so dass seine langen Finger im Schlaf zuckten.
Ich streifte sie ab und stützte mich auf meinen Ellbogen, um ihn zu beobachten. Jetzt, da er die Augen geschlossen hatte, sah ich, wie lang und dick seine Wimpern waren – und wie seltsam gefärbt; an den Spitzen dunkelbraun und an den Wurzeln ganz hell, beinahe blond.
Die entschlossene Linie seines Mundes hatte sich im Schlaf entspannt. Ein Mundwinkel war zwar immer noch sacht gekräuselt, doch seine Unterlippe rundete sich jetzt auf eine Weise, die mir sinnlich und unschuldig zugleich erschien.
»Verdammt«, sagte ich leise zu mir selbst.
Ich kämpfte schon seit einiger Zeit dagegen an. Schon vor dieser lächerlichen Heirat war mir durchaus bewusst gewesen, wie attraktiv er war. Das passierte mir nicht zum ersten Mal, genauso wie es ja zweifellos fast jedem Menschen irgendwann passiert. Eine plötzliche Empfänglichkeit für die Präsenz, für das Aussehen eines bestimmten Mannes – oder vermutlich auch einer Frau. Das Bedürfnis, ihm mit meinem Blick zu folgen, »zufällige« Begegnungen zu arrangieren, ihn unauffällig bei der Arbeit zu beobachten; eine große Sensibilität für die Details seines Körpers – für die Schulterblätter unter seinem Hemd, die deutlich erkennbaren Knochen seiner Handgelenke, die weiche Stelle unter seinem Kinn, an der sein Bart zu sprießen begann.
Verliebtheit. Ganz normal zwischen den Schwestern und den Ärzten, den Schwestern und den Patienten, in jeder Schicksalsgemeinschaft.
Manche gaben ihr nach, und es kam häufig zu kurzen, flammenden Affären. Wenn die Beteiligten Glück hatten, endete die Affäre innerhalb weniger Monate und hinterließ keine Spuren. Wenn nicht … nun ja. Schwangerschaft, Scheidung, hier und da eine Geschlechtskrankheit. Gefährlich, diese Verliebtheit.
Auch ich hatte mehrfach so empfunden, war aber so vernünftig gewesen, nicht darauf zu reagieren. Und wie immer hatte die Anziehung nach einer Weile nachgelassen, und der Mann hatte seine goldene Aura verloren und seinen normalen Platz in meinem Leben wieder eingenommen, ohne dass er, ich oder Frank Schaden genommen hatten.
Und jetzt. Jetzt war ich gezwungen gewesen zu reagieren. Und Gott allein wusste, welcher Schaden daraus entstehen würde. Doch jetzt gab es kein Zurück mehr.
Er lag ganz entspannt auf dem Bauch. Die Sonne glitzerte in seiner roten Mähne und ließ die Härchen aufschimmern, die neben seiner Wirbelsäule wuchsen, in den rötlich goldenen Pelz übergingen, der sein Gesäß und seine Oberschenkel bedeckte und sich zu den kastanienbraunen Locken verdichteten, die zwischen seinen gespreizten Beinen gerade eben zu sehen waren.