»Du hast dich bekreuzigt, als der Vogel fortgelaufen ist; ich habe mich gefragt, warum.«
Leicht verlegen zuckte er mit den Schultern.
»Ah, nun ja. Es ist eine alte Legende. Warum die Regenpfeifer so rufen und warum sie so aufgeregt um ihre Nester herumrennen.« Er zeigte auf die andere Seite des Tümpels, wo jetzt ein anderer Regenpfeifer genau das Gleiche tat. Ein paar Sekunden beobachtete er den Vogel geistesabwesend.
»Regenpfeifer haben die Seelen junger Mütter, die im Kindbett gestorben sind«, sagte er. Er warf mir einen schüchternen Blick aus den Augenwinkeln zu. »Es heißt, sie rufen und laufen um ihre Nester herum, weil sie nicht glauben können, dass die Jungen gesund geschlüpft sind; sie trauern immerfort um das verlorene Junge – oder halten Ausschau nach einem Kind, das zurückgelassen wurde.« Er hockte sich erneut neben das Nest und bewegte das längliche Ei zentimeterweise mit seinem Stöckchen, bis es mit der Spitze in die Mitte zeigte wie die anderen. Auch als das Ei wieder an Ort und Stelle lag, blieb er weiter dort hocken und blickte über das stille Wasser des Tümpels hinweg.
»Es ist nur eine Angewohnheit«, sagte er. »Aus der Zeit, als ich die Geschichte als Junge zum ersten Mal gehört habe. Natürlich habe ich damals schon nicht geglaubt, dass sie Seelen haben, aber, nun ja, als kleine Geste des Respekts …« Er blickte zu mir auf und lächelte plötzlich. »Ich habe es schon so oft getan, dass es mir gar nicht mehr auffällt. Es gibt ja ziemlich viele Regenpfeifer in Schottland.« Er erhob sich und warf das Stöckchen fort. »Gehen wir, ich möchte dir etwas zeigen, dort oben auf dem Hügel.« Er nahm meinen Ellbogen, um mir aus der Felsmulde zu helfen, und wir stiegen bergan.
Ich hatte gehört, was er zu dem Regenpfeifer gesagt hatte, als er ihn freiließ. Ich verstand zwar nur ein paar Worte Gälisch, doch diesen Gruß hatte ich schon so oft gehört, dass er mir vertraut war. »Gott mit dir, Mutter«, hatte er gesagt.
Eine junge Mutter, die im Kindbett gestorben ist. Und ein Kind, das zurückgelassen wurde. Ich berührte seinen Arm, und er blickte auf mich hinunter.
»Wie alt warst du?«, fragte ich.
Er deutete ein Lächeln an. »Acht«, antwortete er. »Zumindest war ich aus den Windeln.«
Er verstummte und führte mich schweigend den Hügel hinauf. Die Hänge waren hier dicht mit Heidekraut bewachsen. Hinter dem Hügel änderte sich die Landschaft abrupt; gewaltige Granittürme erhoben sich aus der Erde, umgeben von Kiefern- und Lärchenwäldern. Wir erkletterten den Hügelkamm und ließen die Rufe der Regenpfeifer hinter uns.
Die Sonne brannte heiß, und nachdem wir uns eine Stunde durch dichtes Geäst geschoben hatten, war ich reif für eine Rast – auch wenn ich das Schieben zum Großteil Jamie überlassen hatte.
Wir fanden eine schattige Stelle am Fuß eines Granitvorsprungs, auf den wir uns setzten. Es erinnerte mich ein wenig an die Stelle, an der ich Murtagh begegnet war – und von Hauptmann Randall getrennt worden war. Dennoch war es schön hier. Jamie meinte, wir wären allein, weil die Vögel unablässig sangen. Wenn sich jemand näherte, würden die meisten Vögel verstummen, nur die Eichelhäher und Dohlen würden Warnrufe ausstoßen.
»Am besten versteckt man sich immer in einem Wald, Sassenach«, riet er mir. »Wenn man sich selbst nicht zu sehr bewegt, verraten einem die Vögel rechtzeitig, wenn jemand in die Nähe kommt.«
Er zeigte mir einen krakeelenden Eichelhäher auf dem Baum über uns. Dann sah er mich an, und wir saßen da wie erstarrt, zwar in Reichweite unserer Hände, doch ohne uns zu berühren. Wir atmeten kaum. Nach einer Weile wurden wir dem Eichelhäher zu langweilig, und er flog davon. Es war Jamie, der den Blick als Erster abwandte und dabei kaum merklich erschauerte, als wäre ihm kalt.
Spargelpilze lugten weiß aus dem zerfallenden Laub unter den Farnen. Jamies Zeigefinger schnippte einem den Kopf von seinem Stiel und zeichnete die Sporenständer nach, während er sich seine nächsten Worte zurechtlegte. Wenn er so bedacht sprach wie jetzt, verlor er seinen schottischen Akzent fast ganz.
»Ich möchte nicht … das heißt … ich will nicht andeuten …« Er blickte plötzlich auf und lächelte mit einer hilflosen Geste. »Ich will dich ja nicht beleidigen, indem ich es so klingen lasse, als würde ich glauben, dass du weitreichende Erfahrung mit Männern besitzt. Aber es wäre auch töricht, mir einzubilden, dass du nicht weitaus mehr über solche Dinge weißt als ich. Was ich fragen wollte, ist das … immer so? Was zwischen uns ist, wenn ich dich berühre, wenn wir … zusammen sind? Ist es immer so zwischen einem Mann und einer Frau?«
Trotz seiner Schwierigkeiten wusste ich genau, was er meinte. Sein Blick ließ nicht von meinen Augen ab, während er auf meine Antwort wartete. Ich hätte den Blick gern abgewandt, konnte es aber nicht.
»Es ist oft ähnlich«, sagte ich und musste mich unterbrechen, um mich zu räuspern. »Aber … nein. Nein, es ist … nicht immer so. Ich weiß auch nicht, warum, aber nein. Das hier ist … anders.«