»Ich vermute, er hat nicht vor, irgendwelche Schritte zu ergreifen?«, fragte ich. Jamies beruhigenden Worten zum Trotz hatte ich Visionen von rotberockten Dragonern, die aus dem Gebüsch stürzten, die Schotten abschlachteten und mich zum Verhör in Randalls Höhle zerrten. Mich beschlich das dumpfe Gefühl, dass Randalls Verhörmethoden, gelinde ausgedrückt, äußerst kreativ sein könnten.
»Denke nicht«, erwiderte Dougal beiläufig. »Er hat andere Sorgen als eine entlaufene Sassenach, egal, wie hübsch sie ist.« Er zog seine linke Augenbraue hoch und deutete eine Verbeugung an, als sei das Kompliment als Entschuldigung gedacht. »Außerdem ist er nicht so dumm, Colum gegen sich aufzubringen, indem er seine Nichte entführt«, fügte er noch gelassener hinzu.
Nichte! Ich spürte, wie mir trotz des warmen Wetters ein Schauer über den Rücken lief. Nichte des MacKenzie-Häuptlings. Ganz zu schweigen von ihrem Kriegshäuptling, der gerade so ungerührt an meiner Seite ritt. Auf der anderen Seite war ich jetzt vermutlich mit Lord Lovat verwandt, dem Oberhaupt des Fraser-Clans, mit dem Abt einer einflussreichen französischen Abtei und mit wer weiß wie vielen anderen Frasers. Nein, vielleicht würde es Jack Randall tatsächlich nicht lohnend finden, mir weiter nachzustellen. Und das war ja schließlich der Sinn dieses lächerlichen Arrangements gewesen.
Ich warf einen verstohlenen Blick auf Jamie, der jetzt vor mir herritt. Sein Rücken war so gerade wie ein Erlenschössling, und sein Haar glänzte in der Sonne wie ein Helm aus poliertem Metall.
Dougal folgte meinem Blick.
»Hätte schlimmer sein können, oder?«, sagte er und zog ironisch die Augenbraue hoch.
Zwei Nächte später lagerten wir im Moor unter einem dieser seltsamen, von einem Gletscher verschleppten Granitbrocken. Es war ein langer Tagesritt gewesen; wir hatten irgendwann um die Mittagszeit hastig im Sattel gegessen, und jetzt freuten sich alle auf eine warme Mahlzeit. Zunächst hatte ich versucht, mich beim Kochen nützlich zu machen, doch der schweigsame Mann, dessen Aufgabe das anscheinend war, hatte meine Hilfe mehr oder weniger höflich zurückgewiesen.
Einer der Männer hatte am Morgen einen Hirsch erlegt, und eine Portion des frischen Fleischs ergab zusammen mit Rübchen, Zwiebeln und allem, was sonst noch an Kräutern zu finden war, eine köstliche Abendmahlzeit. Zum Platzen satt und zufrieden machten wir es uns danach am Feuer gemütlich und hörten uns Geschichten und Lieder an. Überraschenderweise hatte der schmächtige Murtagh, der den Mund ja nur selten zum Sprechen aufmachte, eine schöne klare Tenorstimme. Es dauerte zwar eine Weile, bis man ihn zum Singen überredet hatte, doch das Ergebnis war die Mühe wert.
Ich rückte dichter an Jamie heran und versuchte, einen gemütlichen Sitzplatz auf dem harten Granit zu finden. Wir hatten unser Lager an der Kante des Felsvorsprungs aufgeschlagen, wo uns eine breite Bank aus rötlichem Granit als natürliche Feuerstelle diente und das Felsengewirr in unserem Rücken ein gutes Versteck für die Pferde abgab. Als ich fragte, warum wir nicht bequemer im weichen Gras auf dem Moor schliefen, hatte Ned Gowan mich aufgeklärt, dass wir uns jetzt der südlichen Grenze des MacKenzie-Territoriums näherten. Und damit dem Land der Grants und der Chisholms.
»Dougals Kundschafter sagen zwar, es deutet nichts darauf hin, dass jemand in der Nähe ist«, hatte er gesagt und sich auf einen Felsbrocken gestellt, um selbst noch einen Blick in den Sonnenuntergang zu werfen, »aber man weiß ja nie. Vorsicht ist besser, als das Nachsehen zu haben.«
Als Murtagh fertig war, begann Rupert, Geschichten zu erzählen. Zwar fehlte ihm Gwyllyns Formulierungsgabe, doch er kannte einen unerschöpflichen Schatz an Geschichten über Feen, Gespenster,
»Es gibt da eine Stelle am östlichen Ende von Loch Garve«, sagte er und ließ den Blick über die Anwesenden hinwegschweifen, um sich zu vergewissern, dass ihm wirklich alle zuhörten, »die niemals zufriert. Das Wasser dort ist immer schwarz, selbst wenn der Rest des Sees zu Eis gefroren ist, denn dort befindet sich der Schornstein des Wasserpferds.«
Wie so viele seiner Artgenossen hatte auch das Wasserpferd von Loch Garve ein junges Mädchen gestohlen, das zum Wasserholen an den See gekommen war, und hatte es in die Tiefen des Sees verschleppt, um es zu seiner Frau zu machen. Wehe jedem Mädchen – oder auch jedem Mann –, das ein schönes Pferd am Ufer fand und darauf reiten wollte, denn einmal aufgestiegen, konnte der Reiter nicht mehr absteigen, und das Pferd ging ins Wasser, verwandelte sich in einen Fisch und schwamm mit dem arglosen Reiter auf dem Rücken heim.