Er beugte sich zu mir hinüber, drückte mir einen zärtlichen Kuss auf den Hals und nutzte die Gelegenheit, mich etwas zu drehen, so dass ich mich einem der wirren Felshaufen gegenübersah.

»Bald, denke ich«, murmelte er und küsste mich geschäftig. »Siehst du die schmale Lücke in den Felsen?« Ich sah sie; ein kleiner Unterschlupf von weniger als einem Meter Höhe, der durch zwei aneinanderlehnende Steinplatten gebildet wurde.

Er nahm mein Gesicht in die Hände und liebkoste es mit der Nase. »Wenn ich ›los‹ sage, schlüpfe hinein und bleib dort. Hast du den Dolch?«

Er hatte darauf bestanden, dass ich den Dolch behielt, den er mir an jenem Abend im Gasthaus zugeworfen hatte, obwohl ich meinerseits darauf bestanden hatte, dass ich ihn weder benutzen konnte noch wollte. Doch Dougal hatte recht gehabt – Jamie war stur.

Demzufolge befand sich der Dolch in einer der tiefen Taschen meines Kleids. Am ersten Tag war mir das Gewicht an meinem Oberschenkel noch unangenehm bewusst gewesen, doch inzwischen spürte ich ihn kaum noch. Jamie fuhr mir spielerisch mit der Hand über das Bein, um sich zu vergewissern, dass der Dolch da war.

Dann hob er den Kopf wie eine Katze, die die Witterung prüft. Als ich ihn ansah, bekam ich mit, dass er den Blick auf Murtagh richtete, dann wieder auf mich. Der kleine Mann ließ sich zwar nichts anmerken, erhob sich aber und räkelte sich ausführlich. Als er sich wieder setzte, war er mir ein ganzes Stück näher gekommen.

Hinter uns wieherte ein nervöses Pferd. Als wäre das ein Signal gewesen, kamen sie kreischend über die Felsen. Keine Engländer, wie es meine Befürchtung gewesen war, und auch keine Banditen. Es waren Highlander, die wie von Sinnen brüllten. Grants vermutlich. Oder Chisholms.

Ich kroch auf allen vieren auf die Felsen zu. Zwar stieß ich mir heftig den Kopf und zerkratzte mir die Knie, doch es gelang mir, mich in die Spalte zu zwängen. Hämmernden Herzens tastete ich nach dem Dolch in meiner Tasche und schnitt mir dabei beinahe selbst in die Hand. Ich hatte zwar keine Ahnung, was ich mit dem langen, gefährlich aussehenden Messer anstellen sollte, doch ich fühlte mich etwas besser damit. Ein Mondstein war in den Griff eingelassen, und es war beruhigend, die kleine Rundung in meiner Hand zu spüren; zumindest wusste ich auf diese Weise, dass ich im Dunkeln das richtige Ende des Dolchs erwischt hatte.

Der Kampf war ein solches Durcheinander, dass ich anfangs keine Ahnung hatte, was geschah. Die Lichtung war voller schreiender Menschen, die hin und her sprangen, sich über den Boden wälzten und umherrannten. Meine Zuflucht befand sich zum Glück am Rand des Geschehens, so dass ich vorerst nicht in Gefahr war. Als ich mich umsah, entdeckte ich eine kleine Gestalt, die in meiner Nähe dicht am Felsen hockte. Ich umklammerte den Dolch fester, erkannte aber im nächsten Moment, dass es Murtagh war.

Das war also der Grund für Jamies Blick gewesen. Er hatte Murtagh abgestellt, um mich zu bewachen. Jamie selbst war von hier aus nicht zu sehen. Der Kampf spielte sich zum Großteil im Felsschatten bei den Wagen ab.

Natürlich, das musste der Gegenstand des Überfalls sein; die Wagen und die Pferde. Die Angreifer waren gut organisiert, ordentlich bewaffnet und wohlgenährt, zumindest dem wenigen nach, was ich im Schein des erlöschenden Feuers erkennen konnte. Wenn es also Grants waren, wollten sie vielleicht Bezahlung oder Rache für die Rinder, die Rupert und seine Freunde vor ein paar Tagen hatten mitgehen lassen. Als sich Dougal mit dem Ergebnis des spontanen Raubzugs konfrontiert sah, war er etwas verärgert gewesen – nicht wegen der Tatsache an und für sich, sondern weil er meinte, dass die Rinder unser Vorankommen verlangsamen würden. Doch es war ihm beinahe umgehend gelungen, sie auf dem Markt in einem der Dörfer zu verkaufen.

Es wurde schnell klar, dass die Angreifer nicht darauf aus waren, unseren Männern an den Kragen zu gehen; sie interessierten sich ausschließlich für die Pferde und die Wagen. Einer oder zwei hatten auch Erfolg. Ich zog den Kopf ein, als ein ungesatteltes Pferd über das Feuer sprang und im dunklen Moor verschwand, während sich ein wild kreischender Mann an seine Mähne klammerte.

Zwei oder drei andere rannten zu Fuß davon, Colums Getreidesäcke im Arm und von wütenden MacKenzies verfolgt, die sie auf Gälisch verfluchten. Der Geräuschkulisse nach näherte sich der Überfall seinem Ende. Doch dann kam eine größere Gruppe von Männern in den Feuerschein gestolpert, und der Kampf wurde wieder intensiver.

Das hier schien ernst zu sein, denn ich sah Klingen blitzen, und die Beteiligten grunzten zwar heftig, schrien aber nicht. Schließlich konnte ich sie sehen. In der Mitte kämpften Jamie und Dougal Rücken an Rücken. Jeder von ihnen hatte das Breitschwert in der Linken und den Dolch in der Rechten, und soweit ich das beurteilen konnte, waren sie beide wirkungsvoll am Werk.

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