»Ich fürchte, sie hatte sich einen Stein unter das Eisen getreten«, flunkerte ich. »Ich habe ihn zwar herausbekommen, aber ich führe sie besser ein Stück; ich möchte ja nicht, dass sie lahm wird.«

»Nein, das wäre natürlich nicht gut«, sagte Dougal. »Schön, dann geh ein Stück zu Fuß, aber es muss jemand bei dir bleiben. Die Straße ist zwar verlassen, aber es kommt nicht in Frage, dass du allein hier herumwanderst.« Jamie stieg auf der Stelle ab.

»Ich gehe mit ihr«, sagte er leise.

»Gut. Aber haltet euch nicht zu lange auf. Wir müssen vor Tagesanbruch in Bargrennan sein; der Wirt im Red Boar ist unser Freund.« Mit einer Handbewegung sammelte er die anderen um sich, und sie trabten los und ließen uns im Staub zurück.

Die mehrstündige Sattelfolter hatte meine Laune nicht verbessert. Sollte er meinetwegen mit mir zu Fuß gehen. Ich würde eher zur Hölle fahren, als mit ihm zu sprechen, dem sadistischen, brutalen Mistkerl.

Er sah zwar im Zwielicht nicht besonders sadistisch aus, aber ich nahm mir vor, hart zu bleiben. Ich humpelte vor mich hin und würdigte ihn keines Blickes.

Meine gequälten Muskeln protestierten zunächst angesichts der ungewohnten Bewegung, doch nach einer halben Stunde fiel mir das Gehen schon leichter.

»Morgen wird es besser«, stellte Jamie beiläufig fest. »Nur mit dem Sitzen wird es noch einen Tag länger dauern.«

»Und wie kommt es, dass du da ein solcher Experte bist?«, fuhr ich ihn an. »Verprügelst du etwa häufiger andere Leute?«

»Äh, nein«, sagte er und ließ sich durch meinen Ton nicht beeindrucken. »Das war mein erster Versuch. Ich habe aber reichlich Erfahrung am anderen Ende.«

»Du?« Ich starrte ihn mit offenem Mund an. Die Vorstellung, dass sich jemand diesem Muskelberg mit einem Riemen näherte, war vollkommen undenkbar.

Er lachte angesichts meiner Miene. »Als ich noch kleiner war, Sassenach. Zwischen meinem achten und dem dreizehnten Lebensjahr habe ich so oft den Hintern versohlt bekommen, dass ich es gar nicht mehr zählen konnte. Dann bin ich größer geworden als mein Vater, und es wurde unpraktisch für ihn, mich über den Zaun zu legen.«

»Dein Vater hat dich geschlagen?«

»Aye, meistens. Der Lehrer natürlich auch, und hin und wieder Dougal oder ein anderer Onkel, je nachdem, wo ich gerade war und was ich angestellt hatte.«

Trotz meiner Entschlossenheit, ihn zu ignorieren, wurde ich neugierig.

»Was hast du denn angestellt?«

Er lachte wieder, und es hallte leise, aber ansteckend durch die stille Nachtluft.

»Nun, ich kann mich nicht mehr an alles erinnern. Ich muss aber zugeben, dass ich es meistens verdient hatte. Zumindest glaube ich nicht, dass mich mein Pa je ungerechtfertigt geschlagen hat.« Er ging eine Minute wortlos weiter und überlegte.

»Mm. Also, einmal war es, weil ich die Hühner mit Steinen beworfen habe; einmal, weil ich auf den Kühen geritten bin und sie zu aufgeregt waren, um sich melken zu lassen; und dann, weil ich die Marmelade aus den Plätzchen gegessen und die Plätzchen übrig gelassen habe. Ah, und weil ich die Stalltür nicht richtig geschlossen habe und die Pferde aus der Scheune gelaufen sind; und weil ich das Riet des Taubenschlags in Brand gesteckt habe – das war aber keine Absicht – und weil ich meine Schulbücher verloren habe – das war Absicht – und …« Er brach schulterzuckend ab, und ich lachte unwillkürlich.

»Das Übliche eben. Aber meistens war es, weil ich den Mund aufgemacht habe, wenn ich ihn besser gehalten hätte.«

Er prustete, während er sich an etwas erinnerte. »Meine Schwester Jenny hat einmal einen Krug zerbrochen; ich hatte sie gehänselt, und sie hatte vor Wut damit nach mir geworfen. Als mein Pa hereinkam und wissen wollte, wer das war, hatte sie Angst, etwas zu sagen, und sie hat mich nur mit großen Augen angesehen – sie hat blaue Augen so wie ich, aber ihre sind hübscher, mit schwarzen Wimpern.« Wieder zuckte Jamie mit den Schultern. »Jedenfalls habe ich meinem Vater gesagt, ich wäre es gewesen.«

»Das war ja ausgesprochen anständig von dir«, sagte ich sarkastisch. »Deine Schwester muss dir sehr dankbar gewesen sein.«

»Aye, nun ja, das wäre sie vielleicht auch gewesen. Aber mein Vater hatte die ganze Zeit auf der anderen Seite der offenen Tür gestanden und hatte gesehen, was wirklich passiert war. Also hat sie Prügel bekommen, weil sie so wütend geworden ist und den Krug zerbrochen hat, und ich habe zweimal Prügel bekommen; einmal, weil ich sie gehänselt und einmal, weil ich gelogen hatte.«

»Das ist doch ungerecht!«, wandte ich empört ein.

»Mein Vater ist vielleicht nicht immer sanft mit uns umgegangen, aber ungerecht war er eigentlich nicht«, sagte Jamie unbeirrt. »Er hat gesagt, wahr ist wahr, und man sollte die Verantwortung für die eigene Handlungsweise übernehmen, was ja auch stimmt.« Er warf mir einen Seitenblick zu.

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