»Aber er hat gesagt, es wäre lieb von mir gewesen, die Schuld auf mich zu nehmen. Er müsste mich zwar trotzdem bestrafen, aber ich könnte mir aussuchen, ob ich den Riemen wollte oder ob ich ohne Abendessen ins Bett gehen wollte.« Er lachte reumütig und schüttelte den Kopf. »Vater kannte mich wirklich gut. Natürlich habe ich den Riemen gewählt.«
»Du bist der wandelnde Appetit, Jamie«, sagte ich.
»Aye«, pflichtete er mir ohne Groll bei, »das war schon immer so. Du ebenfalls, du Vielfraß«, sagte er zu seinem Pferd. »Warte gefälligst, bis wir Rast machen.« Er ruckte am Zügel, um die suchende Nase seines Pferdes aus den lockenden Grasbüscheln am Straßenrand zu holen.
»Aye, Vater ist gerecht gewesen«, fuhr er fort, »und er hat immer mit Bedacht gehandelt, obwohl ich das damals nicht zu schätzen wusste. Ich musste nie auf meine Prügel warten; wenn ich etwas falsch gemacht habe, wurde ich auf der Stelle bestraft – oder zumindest, sobald er es erfuhr. Er hat immer dafür gesorgt, dass ich wusste, wofür ich Hiebe bekomme, und wenn ich mich verteidigen wollte, durfte ich das tun.«
Oh, darauf willst du also hinaus, dachte ich. Du entwaffnender Intrigant. Ich bezweifelte zwar, dass es ihm gelingen würde, mich so zu umgarnen, dass ich meinen festen Entschluss aufgab, ihm bei nächster Gelegenheit die Eingeweide herauszureißen, aber er konnte es gern versuchen.
»Hast du je dabei gewonnen?«, fragte ich.
»Nein, normalerweise stand da ja nichts zur Debatte, weil der Angeklagte schon gestanden hatte. Aber manchmal habe ich es geschafft, dass die Strafe ein bisschen gemildert wurde.« Er rieb sich die Nase.
»Einmal habe ich ihm verkündet, dass ich es für eine unzivilisierte Methode halte, seinen Willen zu bekommen, indem man den eigenen Sohn schlägt. Er hat erwidert, ich hätte so viel Verstand wie der Zaunpfahl, neben dem ich stand, wenn überhaupt. Außerdem hat er gesagt, Respekt vor den Eltern sei einer der Eckpfeiler der Zivilisation, und solange ich das nicht begriffen hätte, sollte ich mich damit abfinden, mir auf die Zehen zu starren, während mir einer meiner barbarischen Eltern den Hintern versohlte.«
Diesmal lachte ich mit. Es war friedlich auf der Straße, und es herrschte jene absolute Ruhe, die sich einstellt, wenn man meilenweit von jedem anderen Menschen entfernt ist. Die Art von Ruhe, die in meiner eigenen Zeit so schwer zu finden war, wo Maschinen der verlängerte Arm der Menschen waren und eine einzelne Person mehr Lärm erzeugen konnte als eine ganze Menschenmenge. Hier war nur das Rascheln der Pflanzen zu hören, das gelegentliche
Inzwischen fiel mir das Gehen leichter, weil sich meine verkrampften Muskeln durch die Bewegung lockerten. Auch meine Gereiztheit begann nachzulassen, während ich Jamies selbstironischen Geschichten zuhörte.
»Natürlich wäre es mir am liebsten gewesen, gar nicht geschlagen zu werden, aber wenn ich die Wahl gehabt hätte, wäre mir mein Pa eindeutig lieber gewesen als der Lehrer. In der Schule haben wir es meistens mit der Rute auf die Handfläche bekommen statt auf den Hintern. Vater hat gesagt, wenn er mich auf die Hand schlagen würde, könnte ich ja nicht mehr arbeiten, aber wenn er mir den Hintern versohlte, hätte ich wenigstens keine Lust, untätig herumzusitzen. Meistens hatten wir jedes Jahr einen anderen Lehrer; sie haben es nie lange ausgehalten und sind entweder Bauern geworden oder in bessere Gegenden abgewandert. Lehrer bekommen so wenig Geld, dass sie immer klapperdürr sind und hungern. Nur einmal hatte ich einen fetten Lehrer, und ich konnte nie glauben, dass er ein richtiger Lehrer war; er sah aus wie ein verkleideter Pfarrer.« Ich dachte an den rundlichen kleinen Vater Bain und pflichtete ihm lächelnd bei.
»An einen Lehrer kann ich mich besonders erinnern, weil er uns gezwungen hat, mit ausgestreckter Hand vor der Klasse zu stehen. Dann hat er uns einen Vortrag über unsere Fehler gehalten, ehe er loslegte, und zwischen den einzelnen Hieben ging es so weiter. Ich habe dann mit schmerzenden Fingern dagestanden und einfach nur gebetet, dass er mit dem Gerede aufhört und mit dem Prügeln weitermacht, ehe ich den Mut verliere und anfange zu weinen.«
»Ich vermute, genau darum ging es ihm«, sagte ich nickend und empfand unwillkürlich Mitgefühl.
»Oh, aye«, erwiderte er nüchtern. »Es hat aber eine Weile gedauert, bis ich das begriffen habe. Und dann konnte ich natürlich wie üblich den Mund nicht halten.« Er seufzte.
»Was ist passiert?« Ich hatte inzwischen fast vergessen, wütend zu sein.